Die 25. Ausgerechnet-Alaska-Folge JUGENDSÜNDEN (Seoul Mates) wurde in den USA am 16. Dezember 1991 das erste Mal ausgestrahlt. Es handelt sich um die zehnte Episode der dritten Staffel (3.10).

KURZBESCHREIBUNG:
Schwarzer Rabenschmuck dekoriert ganz Cicely. Der Rabe symbolisiert nämlich in der indianischen Mythologie den Heilsbringer; er brachte das Licht in die Dunkelheit. Maurice Weihnachtsdepression verfliegt schlagartig, als koreanische Besucher auftauchen und sich der 40jährige Duk Won als sein Sohn vorstellt. Maurice ist schockiert. Der warmherzige, dankbare Dok Won gibt sich alle Mühe, die Sympathie seines mißtrauischen, chauvinistischen Vaters zu gewinnen. Doch Maurice empfindet die fremde Kultur und Sprache als einzigen Alptraum. Bei etlichen Gläsern Bourbon kommen sich die beiden aber doch noch näher... Joel, obwohl Jude, hat sich einen Christbaum in die Wohnung gestellt; das Schmücken bereitet ihm allerdings Schwierigkeiten. Shelly vermißt ein richtig altmodisches "Charlie-Brown-Weihnachten" mit Mitternachtsmesse und Weihrauch und die (stets zu Weihnachten) "unfallträchtige" Maggie verstaucht sich den Knöchel. Außerdem sieht sie gegen das Weihnachtsfest im Kreise ihrer Familie an, doch als ihre Eltern kurzfristig absagen, stürzt sie in eine noch tiefere Melancholie. Letztendlich versammelt sich die ganze Stadt am heiligen Abend zu den traditionellen Rabenfestspielen.


DREHBUCH:
Diane Frolov und Andrew Schneider

REGIE:
Jack Bender

KOREANISCHE DARSTELLER:
Yung Yong (Chang) Ja: Kim Kim
Yung Duk Won: Kwi Hyun (James) Song
Yung Bong Joo: Chi-Muoi Lo Narssak

Die vorzügliche DEUTSCHE BEARBEITUNG erfolgte auch bei "Jugendsünden" im Auftrag für den TV-Sender RTL Televison, Köln durch die Synchronisationsfirma INTEROPA, München.




In dem Kapitel EIN KODIFIZIERTES RITUAL antwortet Chris auf Hollings Frage, ob er nicht etwas Latein beherrsche:
"In vino veritas... Eigentlich nur sowas...?"
Nach dem "in vino vertias" zählt er noch eine weitere lateinische Floskel auf, die ich aber akustisch nicht verstehe!


Das Kapitel AVE MARIA besteht eigentlich aus zwei Teilen.
Es beginnt nach CHRIS' PERSÖNLICHER EPIPHANIE mit der Szene, in der Shelly Holling im Brick sucht, um ihm zu sagen, dass sie vor dem Rabenfestspiel noch in die Kirchen gehen will.
In "Wirklichkeit" (also in der TV-Version) folgt auf diesen kurzen Auftritt zunächst das Kapitel BESCHERUNG. Dannach erst wird die Geschichte um Shelly & Holling (in der Kirche) fortgesetzt bzw. abgeschlossen.
Aus gestalterischen Gründen führt das Skript diesen Handlungsstrang direkt weiter. Shelly betritt also die Kirche, in der bereits Holling auf sie wartet und mit "Schuberts Ave Maria" für weihnachtliches Hochgefühl sorgt...
Dann folgt die BESCHERUNG, in der Joel Maggie vor ihrer Steuererklärung rettet...

Das DEUTSCHE SKRIPT dieser Folge wurde exklusiv für die Internet-Initiative DOKTOR FLEISCHMAN SOLL WIEDER ERYTHROZYTEN ZAeHLEN von Volker Herrmann, D-Meppen verfaßt. Die Dialoge und Handlungsstränge wurden dafür aus einer Videoaufzeichnung protokolliert.
Alle Rechte vorbehalten. Copyright für das Text-Skript bei Volker Herrmann, D-49716 Meppen.
Nur zum privaten Gebrauch. Veröffentlichungen, auch einzelne Teile, nur nach Rücksprache: eMail:
mail2cicely@web.de




Was wäre die Weihnachts-Episode JUGENDSÜNDEN ohne die phantastische Musik? Je nach Situation und Stimmung variiert die Auswahl zwischen Jazz & Folklore und hinterläßt einen völlig verzauberten Zuschauer...
In dem Kapitel CHRIS AM MORGEN swingt Booker T. And The MGs eine ulkige Version von "Santa Claus Is Coming To Town".
Als Joel in dem Kapitel JOEL & DER TANNENBAUM Ed und Dave die Tür zum Brick aufhält, sorgt in der Bar gerade ein übermütiges "Dig That Crazy Santa Claus" von Oscar McLollie And The Honey Jumpers für ausgelassene Stimmung.
Um Shellys melancholische Seelenlage zu unterstreichen, läuft im Hintergrund des Kapitels SHELLYS CHARLIE-BROWN-WEIHNACHTEN das folkloristische "Il Est Ne/Ca Berger" der The Chieftans.
In dem Kapitel MAURICE' NEUE FAMILIE square-danced Petter Roloan passend zu Maurice' ungestümen Cowboy-Auftritt im Brick eine völlig entstellte Country-Western-Version von "Christmas Time's A Coming".
FLY ME TO THE MOON singt Duk Won im gleichnamigen Kapitel zu Ehren seines entsetzten Vaters. Mehr Zusatzinfos: hier!
Mit den Worten: "So... der nächste hier ist für Maurice!" legt Chris in dem Kapitel NUR NOCH ZWEI TAGE BIS WEIHNACHTEN eine traditionelle Variante von "Stille Nacht" auf - und wenn ich mich nicht sehr getäuscht habe, hört es sich tatsächlich so an, als ob hier ein deutscher Chor singt... (Also nicht "Silent Night, Holy Night..." sondern wirklich "Stille Nacht, heilige Nacht...")
Das komplette anschließende Kapitel POST FÜR MAGGIE wird durch diesen Gesang untermalt.
In dem Kapitel EIN KODIFIZIERES RITUAL klimpert Allen Toussaint im Hintergrund eine fröhlich-swingende Version von "White Christmas".
Während Chris in dem Kapitel NIMMERMEHR Edgar Allen Poes "Raben" rezitiert, sorgen erneut The Chieftans mit einer volkstümlichen Fassung von "O Come All Ye Faithful" ("Kommet Ihr Hirten") für die richtige Atmosphäre...
"O Come All Ye Faithful" begleitet auch das Kennenlernen von Vater und Sohn im ersten Teil des Kapitels DER ASTRONAUT & DER INGENIEUR.
Während Duk Won mit Händen und Füßen Maurice seinen Beruf zu erklären versucht, wechselt die Musik und
Tony Bennett singt "The Christmas Song".
Joel ist in dem Kapitel NACHHILFE in Hochstimmung und mit Clyde Mc Phatter (And The Drifters) altmodisch-swingenden Variante von "White Christmas" wollte er eigentlich die trübsinnige Maggie anstecken. Leider vergeblich...
Mit Schuberts "AVE MARIA" begeistert Holling in dem gleichlautenden Kapitel Shelly und reißt sie aus ihrer Schwermut. Mehr Zusatzinfos: hier!





In dem Kapitel MAGGIES LÄDIERTER KNÖCHEL verteidigt Joel - völlig unmotiviert - seinen Tannenbaum gegenüber Maggie:
Ich bin Jude. Was mach' ich dann mit einem Weihnachtsbaum?
Das ist völlig unpassend, nicht?
Ich sollte eine Mesusa, eine Minorah haben - wobei ich übrigens beide habe und ich würde sie jedem Goi gerne zeigen... Aber einen Weihnachtsbaum? Gott bewahre!


GOI (Plural: Gojim) ist ein Hebräische Wort, das ursprünglich "Volk" bedeutet hat. Heute ist der Begriff "Goi" einfach die jüdische Bezeichnung für einen Nichtjuden.

MENORAH ist ein Hebräisches Wort, das übersetzt "Leuchter" bedeutet. Mit Menorah wird meistens der siebenarmige Leuchter genannt, der einst im Tempel von Jerusalem stand. Er wurde nach der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 durch die Römer nach Rom gebracht. Seither ist das Bild einer siebenarmigen Menorah zu einem Symbol für das Judentum geworden.

Eine
MESUSA ist eine kleine Kapsel aus Holz, Metall oder Kunststoff, in der sich Pergamentstreifen befinden, die mit Versen der Hebräischen Bibel beschrieben sind (nämlich Deut 6,4-9 und 11,13-21). Das hebräische Wort "Mesusa" bedeutet Pfosten. Auf die Bibelverse in der Mesusa geht die Anweisung zurück, an den Pfosten der Tür und auf dem Körper - Stirn und Arm - diese Verse anzubringen


In dem Kapitel JOELS TANNENBAUM philosophiert Joel:
... Kinder betrachten Feste von der materialistischen Seite. Für mich war Chanukka immer das bessere Geschäft. Man kriegt Geschenke und sie werden über eine Woche verteilt, so dass man jedes einzelne auskostet.

CHANUKKA ist ein Fest aus dem jüdischen Kalender, das meistens in den Dezember fällt. Die Juden erinnern sich zu Chanukka an ein Ereignis, das sich im Jahr 165 v.u.Z. ereignet hat. Der Tempel in Jerusalem war von fremden Herrschern verunreinigt worden, den Seleukiden. Der Kämpfer Judas Makkabäus befreite mit seinen Leuten die Stadt von den Besatzern und ließ den Tempel wieder feierlich einweihen. "Chanukka" ist hebräisch und bedeutet "Einweihung". Der Talmud erzählt von einem kleinen Wunder, das sich an Chanukka ereignet haben soll: Obwohl im Tempel nur noch eine kleine Menge koscheres Öl vorhanden war, um die Lichter im Tempel einen Tag brennen zu lassen, reichte das Öl für acht Tage - so lange, bis neues bereitet war. Daher kommt der Brauch, während des achttägigen Festes auf einen speziellen Leuchter jeden Tag eine Kerze mehr anzuzünden. Manchmal wird "Chanukka" auch "Lichterfest" genannt.

Die Bedeutungen der jüdischen bzw. hebräischen Begriffe stammen aus Georg Schwikarts "Kinderlexikon der Religionen", Patmos-Verlag.


In dem Kapitel BESCHERUNG vergleicht Joel eine jüdische Spezialität mit abendländischen Milchbrei, um so sein Geschenk für Maggie zu rechtfertigen.

Joel zur irritierten Maggie:
Wissen Sie... Ich hab's versucht...
Er lacht kurz hilflos auf:
Das hab' ich wirklich... Ich.. ich hab' mein Bestes getan. Es hat nicht funktioniert.
Wenn man am Plumpudding kratzt, kommt eine Matzekugel zum Vorschein.


MATZEKUGELN (oder Matzeknödel) sind kleine Suppenknödel aus Matzemehl.

(Danke für diese Information an Herrn Samuel Laster (von der "Jüdische Zeitung") und die Jüdische Gemeinde in Mannheim)




In dem Kapitel JOELS TANNENBAUM schwelgt Joel in weihnachtlichen Erinnerungen und erwähnt dabei einen der größten Baseball-Idole der amerikanischen Major-League.

Joel plaudert munter auf Ed (und Bong) ein:

Nur einmal habe ich meinen Nachbarn Tom McGovern echt beneidet.

Joel kratzt sich am Kopf:
Er hat einen von Bobby Murcer signierten Baseballhandschuh bekommen. Mann, war ich scharf d'rauf!


BOBBY MURCER wurde am 20. Mai 1946 geboren. Als 19jähriger begann er seine Baseball-Karriere in der Major-League am 8. September 1965 bei den New York Yankees. Er spielte 17 Jahre in drei verschiedenen US-Teams und beendete seine große Spieler-Karriere 1983.

1965-74 : New York Yankees
1975-76 San Francisco Giants
1977-79 Chicago Cubs
1979-83 New York Yankees





Einige koreanische Begriffe (und Namen) habe ich im deutschen Wortlaut wiedergegeben, andere koreanische Vokabeln habe ich recherchiert und dabei festgestellt, dass die korrekte Rechtschreibung oft Spielraum zuläßt. Beispielsweise kann man den koreanischen Toast (DER ASTRONAUT UND DER INGENIEUR) offensichtlich sowohl "Gon-bae", "Chuk-bae" als auch "Geon-bae"  schreiben...
Andere Begriffe wie
"Ka-pa-sito", "Sa-gete" (DER ASTRONAUT UND DER INGENIEUR) oder "To-goni" (UND WIE GEHT ES DIR?) sind hingegen gar nicht koreanisch, sondern haben bestenfalls einen japanischen Ursprung...

Aus dem Kapitel DER ASTRONAUT UND DER INGENIEUR
Astronaut:
U-ju-bi-heng-sa
Gewichtheben: Yeok-gi
Ingenieur: Gi-sa
Cheers, Prost: Chuk-bae

Aus dem Kapitel UND WIE GEHT ES DIR?
groß und stark:
Geon-jang hada

An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an Frau Soo-Ho Lee (Leiterin des Sprachendienstes der Botschaft Seoul), Frau Eunmi Cho von tour2korea.com und Herrn Byung Jin Ahn von "Goethe Institut Seoul"!





In dem Kapitel FLY ME TO THE MOON versucht Duk Won das Herz seines Vaters zu gewinnen. In Anspielung auf dessen Astronauten-Karriere singt Duk Won Bart Howards Song "Fly Me To The Moon" in einem ganz schrecklichen Englisch als Karaoke und mit einer veränderten Textzeile. Der Originaltext lautet:

FLY ME TO THE MOON
(Bart Howard)

Fly me to the moon
And let me play among the stars
Let me see what spring is like
On Jupiter and Mars
In other words hold my hand
In other words darling kiss me

Diese Textzeile variert oft.
Manche Interpreten singen "Baby kiss me", manche "Darling kiss me".
Zu Maurice' Entsetzen krächzt Duk Won hier: "FATHER kiss me".

Fill my life with song
And let me sing forevermore
You are all I hope for
All I worship and adore
In other words please be true
In other words I love you

Eine wirklich gelungene Version von "Fly Me To The Moon" hat DIANA KRALL "Live In Paris" eingespielt. Auf CD & DVD erhältlich: hier klicken!

Außerdem empfehlen wir in unserem WEIHNACHTS-GESCHENKIDEEN ihr wunderbares Weihnachtsalbum "Christmas Songs". Mehr Infos: hier!





An Heilig Abend wartet Holling in dem Kapitel AVE MARIA in Cicelys Kirche bereits auf Shelly, um sie mit Schuberts Ave Maria zu überraschen. Während Holling voller Leidenschaft und Inbrunst singt, dreht sich Shelly gerührt zu ihm um und schaut ihn lange Zeit an. Sie lächelt ergriffen, kniet schließlich vor der Krippe nieder und betet.

Ave Maria, gratia plena
Dominus tecum, benedicta tu
In mulieribus et benedictus
Fructus ventris tui Jesus.
Sancta Maria, Sancta Maria,
Maria ora pro nobis,
Nobis peccatoribus,
Nunc et in hora mortis nostrae.
Amen


Und so wie Holling, in seinem schlichten Anzug, ein wenig distanziert dasteht und Shelly mit ihrem Kopftuch in der ärmlichem Kapelle niederkniet, erinnert die Szene ein wenig an die Geburt im Stall zu Bethlehem vor 2000 Jahren.
CD-Tipp mit verschiedenen Version des AVE MARIAs





EDGAR ALLEN POE wurde am 19. Januar 1809 in Boston geboren.
Er starb am 7. Oktober 1849 in Baltimore. Er behandelte das Unheimliche, Grauenvolle, Übersinnliche mit beklemmender Spannung. Seine Kurzgeschichten sind die Vorbilder der modernen, logisch induzierenden Kriminalgeschichten.

In dem Kapitel NIMMERMEHR liest Chris aus Edgar Allen Poes wohl bekanntesten Gedicht "Der Rabe" vor:
Der garstig grimmige, uralte Rabe streifte umher am nächtlichen Meer.
Sag mir, was ist dein edler Name an diesem plutonischen Ufer der Nacht.
Sprach der Rabe: Nimmermehr.


Chris philosophiert anschließend:
Wißt ihr, viele Anspielungen auf ihn in der westlichen Welt neigen zum Negativen. Wie bei vielen Dingen im Leben, wenn es um transzendentalen Symbole geht, ist des einen Erlösen, des anderen Federvieh zum Jagen.

So wie Chris die Zeilen (in der deutschen Synchronisation) vorliest, existiert sie allerdings im übersetzten Originalgedicht gar nicht.
Tatsächlich heißt es dort:
"Ward dir auch kein Kamm zur Gabe", sprach ich, "so doch stolz Gehabe, - grauslich grimmer alter Rabe, Wanderer aus nächtger Sphär'-
sag, welch hohen Namen gab man dir in Plutos nächtger Sphär'?"
Sprach der Rabe, "Nimmermehr."



DER RABE
von Edgar Ellen Poe


Einst, um eine Mittnacht graulich, da ich trübe sann und traulich
müde über manchem alten Folio lang vergess'ner Lehr'-
da der Schlaf schon kam gekrochen, scholl auf einmal leis ein Pochen,
gleichwie wenn ein Fingerknochen pochte, von der Türe her.
"'s ist Besuch wohl", murrt' ich, "was da pocht so knöchern zu mir her - das allein - nichts weiter mehr.

Ah, ich kann's genau bestimmen: im Dezember war's, dem grimmen,
und der Kohlen matt Verglimmen schuf ein Geisterlicht so leer.
Brünstig wünscht' ich mir den Morgen;- hatt' umsonst versucht zu borgen
von den Büchern Trost dem Sorgen, ob Lenor' wohl selig wär'-
ob Lenor', die ich verloren, bei den Engeln selig wär'-
bei den Engeln - hier nicht mehr.

Und das seidig triste Drängen in den purpurnen Behängen
füllt', durchwühlt' mich mit Beengen, wie ich's nie gefühlt vorher;
also daß ich den wie tollen Herzensschlag mußt' wiederholen:
"'s ist Besuch nur, der ohn' Grollen mahnt, daß Einlaß er begehr'-
nur ein später Gast, der friedlich mahnt, daß Einlaß er begehr':-
ja, nur das - nichts weiter mehr."

Augenblicklich schwand mein Bangen, und so sprach ich unbefangen:
"Gleich, mein Herr - gleich, meine Dame - um Vergebung bitt' ich sehr;
just ein Nickerchen ich machte, und Ihr Klopfen klang so sachte,
daß ich kaum davon erwachte, sachte von der Türe her -
doch nun tretet ein!" - und damit riß weit auf die Tür ich - leer!
Dunkel dort - nichts weiter mehr.

Tief ins Dunkel späht' ich lange, zweifelnd, wieder seltsam bange,
Träume träumend, wie kein sterblich Hirn sie träumte je vorher;
doch die Stille gab kein Zeichen; nur ein Wort ließ hin sie streichen
durch die Nacht, das mich erbleichen ließ: das Wort "Lenor'?" so schwer - selber sprach ich's, und ein Echo murmelte's zurück so schwer:
nur "Lenor'!" - nichts weiter mehr.

Da ich nun zurück mich wandte und mein Herz wie Feuer brannte,
hört' ich abermals ein Pochen, etwas lauter denn vorher.
"Ah, gewiß", so sprach ich bitter, "liegt's an meinem Fenstergitter;
Schaden tat ihm das Gewitter jüngst - ja, so ich's mir erklär';-
schweig denn still, mein Herze, lass mich nachsehn, daß ich's mir erklär':-
's ist der Wind - nichts weiter mehr!"

Auf warf ich das Fenstergatter, als herein mit viel Geflatter
schritt ein stattlich stolzer Rabe wie aus Sagenzeiten her;
Grüßen lag ihm nicht im Sinne; keinen Blick lang hielt er inne;
mit hochherrschaftlicher Miene flog empor zur Türe er -
setzt' sich auf die Pallas-Büste überm Türgesims dort - er
flog und saß - nichts weiter mehr.

Doch dies ebenholzne Wesen ließ mein Bangen rasch genesen,
ließ mich lächeln ob der Miene, die es macht' so ernst und hehr:
"Ward dir auch kein Kamm zur Gabe", sprach ich, "so doch stolz Gehabe,
grauslich grimmer alter Rabe, Wanderer aus nächtger Sphär'-
sag, welch hohen Namen gab man dir in Plutos nächtger Sphär'?"
Sprach der Rabe, "Nimmermehr."

Staunend hört' dies rauhe Klingen ich dem Schnabel sich entringen,
ob die Antwort schon nicht eben sinnvoll und bedeutungsschwer;
denn wir dürfen wohl gestehen, daß es keinem noch geschehen,
solch ein Tier bei sich zu sehen, das vom Türgesimse her -
das von einer Marmor-Büste überm Türgesimse her
sprach, es heiße "Nimmermehr."

Doch der droben einsam ragte und dies eine Wort nur sagte,
gleich als schütte seine Seele aus in diesem Worte er,
keine Silbe sonst entriß sich seinem düstren Innern, bis ich
seufzte: "Mancher Freund verließ mich früher schon ohn' Wiederkehr -
morgen wird er mich verlassen, wie mein Glück - ohn' Wiederkehr."
Doch da sprach er, "Nimmermehr!"

Einen Augenblick erblassend ob der Antwort, die so passend,
sagt' ich, "Fraglos ist dies alles, was das Tier gelernt bisher:
's war bei einem Herrn in Pflege, den so tief des Schicksals Schläge
trafen, daß all seine Wege schloß dies eine Wort so schwer -
daß' all seiner Hoffnung Lieder als Refrain beschloß so schwer
dies "Nimmer - nimmermehr."

Doch was Trübes ich auch dachte, dieses Tier mich lächeln machte,
immer noch, und also rollt' ich stracks mir einen Sessel her
und ließ die Gedanken fliehen, reihte wilde Theorien,
Phantasie an Phantasien: wie's wohl zu verstehen wär'-
wie dies grimme, ominöse Wesen zu verstehen wär',
wenn es krächzte "Nimmermehr."

Dieses zu erraten, saß ich wortlos vor dem Tier, doch fraß sich
mir sein Blick ins tiefste Innre nun, als ob er Feuer wär';
brütend über Ungewissem legt' ich, hin und her gerissen,
meinen Kopf aufs samtne Kissen, das ihr Haupt einst drückte hehr -
auf das violette Kissen, das ihr Haupt einst drückte hehr,
doch nun, ach! drückt nimmermehr!

Da auf einmal füllten Düfte, dünkt' mich, weihrauchgleich die Lüfte,
und seraphner Schritte Klingen drang vom Estrich zu mir her.
"Ärmster", rief ich, "sieh, Gott sendet seine Engel dir und spendet
Nepenthes, worinnen endet nun Lenor's Gedächtnis schwer;-
trink das freundliche Vergessen, das bald tilgt, was in dir schwer!"
Sprach der Rabe, "Nimmermehr."

"Ah, du prophezeist ohn' Zweifel, Höllenbrut! Ob Tier, ob Teufel -
ob dich der Versucher sandte, ob ein Sturm dich ließ hierher,
trostlos, doch ganz ohne Bangen, in dies öde Land gelangen,
in dies Haus, von Graun umpfangen,- sag's mir ehrlich, bitt' dich sehr - gibt es - gibt's in Gilead Balsam?- sag's mir - sag mir, bitt' dich sehr!"
Sprach der Rabe, "Nimmermehr."

"Ah! dann nimm den letzten Zweifel, Höllenbrut - ob Tier, ob Teufel!
Bei dem Himmel, der hoch über uns sich wölbt - bei Gottes Ehr'-
künd mir: wird es denn geschehen, daß ich einst in Edens Höhen
darf ein Mädchen wiedersehen, selig in der Engel Heer -
darf Lenor', die ich verloren, sehen in der Engel Heer?"
Sprach der Rabe, "Nimmermehr."

"Sei denn dies dein Abschiedszeichen", schrie ich, "Unhold ohnegleichen!
Hebe dich hinweg und kehre stracks zurück in Plutos Sphär'!
Keiner einz'gen Feder Schwärze bleibe hier, dem finstern Scherze
Zeugnis! Laß mit meinem Schmerze mich allein!- hinweg dich scher!
Friß nicht länger mir am Leben! Pack dich! Fort! Hinweg dich scher!"
Sprach der Rabe, "Nimmermehr."

Und der Rabe rührt' sich nimmer, sitzt noch immer, sitzt noch immer
auf der bleichen Pallas-Büste überm Türsims wie vorher;
und in seinen Augenhöhlen eines Dämons Träume schwelen,
und das Licht wirft seinen scheelen Schatten auf den Estrich schwer;
und es hebt sich aus dem Schatten auf dem Estrich dumpf und schwer
meine Seele - nimmermehr.
"The Raven" in englichen Original: hier!

Das Gedicht "Der Rabe" ist übrigens in edler Buchform und auf AudioCD erhältlich.




In den beiden Kapiteln DIE LEGENDE VOM RABEN und DAS RABENFESTSPIEL erzählt Marylin die Geschichte des Raben:

Es war vor langer Zeit, da schaute der Rabe vom Himmel herab und sah, daß die Menschen auf der Erde in Dunkelheit lebten. Die Kugel des Lichts wurde von einem selbstsüchtigen Häuptling verborgen. Da verwandelte sich der Rabe in eine Tannennadel und schwamm auf dem Fluß herab bis zu der Stelle, wo die Tochter des Häuptlings Wasser schöpfte. Sie trank die Nadel. Danach wurde sie schwanger und gebar einen Sohn, der der verwandelte Rabe war. Das Baby weinte und weinte, bis ihm der Häuptling die Kugel des Lichts zum Spielen gab. Doch sobald er die Kugel hatte, wurde er wieder zum Raben und trug das Licht zum Himmel. Seit dieser Zeit leben wir nicht mehr in der Dunkelheit.


Diese Geschichte wurde ja schon mehrmals auf unserer Homepage erzählt.
FRANK SCHÄTZING schließt in seinem ausgezeichneten ÖKO-Thriller
"Der Schwarm" den Kreis um die Legende des Raben:

"Wir sind ein ratloses Volk", sagte Frank. "Vieles hat sich verbessert. Und doch denke ich oft, dass wir in einem Konflikt gefangen sind, den wir kaum alleine werden meistern können. Hatte ich dir erzählt, dass ich nach jedem Fischzug, nach jedem Geschäft, das ich erfolgreich abschließe, nach jedem Fest eine Kleinigkeit abzweige und dem Raben gebe, weil der Rabe immer hungrig ist?"
"Nein. Das hattest du nicht."
"Wußtest du es?"
"Nein."
"Die Tlingit sagen, er spricht für die Armen, so wie es Jesus Christus tat. Also zweige ich ein Stückchen Fleisch oder Fisch ab für den nimmersatten Raben, der einst ein Sohn der Tiermenschen war und von seinem Vater Ashamed in die Rabenhaut gesteckt und Wigyèt genannt wurde. Wigyèt wurde in die Welt geschickt, nachdem er sein Dorf arm gefressen hatte. Er bekam einen Stein mit auf den Weg, damit er einen Platz habe, um sich auszuruhen, und aus dem Stein wurde das Land auf dem wir leben. Er stahl durch einen Trick das Sonnenlicht und brachte es auf die Erde. Ich gebe dem Raben, was des Raben ist."
Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber.
Frank Schätzing, Der Schwarm, Seite 320-321
(c) 2004 by Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln.

Demnach ist nach indianischem Glauben der Rabe nicht nur Erlöser, sondern auch Teil der Schöpfungsmythologie.

Mehr Infos zu FRANK SCHÄTZINGs Roman "Der Schwarm":
hier klicken!




Das DEUTSCHE SKRIPT dieser Folge "Jugendsünden" wurde exklusiv für die Internet-Initiative DOKTOR FLEISCHMAN SOLL WIEDER ERYTHROZYTEN ZAeHLEN von Volker Herrmann, D-Meppen verfaßt. Die Dialoge und Handlungsstränge wurden dafür aus einer Videoaufzeichnung protokolliert.
Alle Rechte vorbehalten. Copyright für das Text-Skript bei Volker Herrmann, D-49716 Meppen. Nur zum privaten Gebrauch. Veröffentlichungen, auch einzelne Teile, nur nach Rücksprach
e: eMail: mail2cicely@web.de