KBHR-Radio-Station. Chris guckt durch die Fensterscheibe auf die Straße. Cicely ist festlich geschmückt. Neben bunten Lichterketten sitzen schwarze Raben aus Holz auf dem Geländer vorm Studio. Pick-Ups brausen vorbei. Es ist noch früh am Morgen...

Chris:
Außgepaßt, Cicelianer!
Nur noch zwei Einkaufstage bis Weihnachten.

Es schneit. Maurice eilt durch den Schneeregen als wäre er auf der Flucht, - gefolgt von seinem Besuch aus Korea. Wie ein aufgeblasener Erpel führt er seine Gäste an, die wie Küken - der Reihe nach - hinter ihm her marschieren.

Chris entdeckt die vier:
Hey, da sind ja die Minnifields beim Weihnachtsspaziergang.
Wie nett.
Frohe Weihnachten zusammen.

Hier kommt gerade was von der Cicely-Chorgemeinschaft rein: Alle Mitglieder werden gebeten, sich heute um sieben bei Mels Waffen- und Munitionslager zum Proben einzufinden. Zieht euch bitte warm an!
Außerdem eine Erinnerung an die, die morgen das Rabenfestspiel besuchen wollen. Ihr könnt gerne Fotos machen, aber bitte keine Blitzlichter, denn das stört die Schauspieler!

So... der nächste hier ist für Maurice!


Chris legt eine traditionelle (deutsche!) Fassung von "Stille Nacht" auf.



Ruth-Annes Türglocke bimmelt freundlich. Joel betritt den Laden in seinem dickem Parker. Aus den Lautsprechern schallt leise KBHRs "Stille Nacht". Auf dem Tresen sind ein Dutzend Schachteln mit Weihnachts- und Rabenschmuck aufgestapelt...

Joel:
Hmmm, was duftet hier so, Ruth-Anne?

Ruth-Anne steht hinter ihrer Theke. Sie trägt ein grünes Raben-Sweat-Shirt unter ihrer Strickjacke.

Ruth-Anne:
Rabenbrot. Das mache ich jedes Weihnachten.
Probieren Sie's!


Joel:
Gerne...

Er kostet ein Stück, Ruth-Anne beobachtet ihn erwartungsfroh.

Joel:
Hmmm, Pumpernickel. Ich werde eins nehmen.
Außerdem brauche ich ein wenig Baumschmuck. Sie wissen schon: Figuren, Lametta und so weiter...


Ruth-Anne kramt ein paar Kartons hervor:
Ahh, ...da hätten wir ein paar Rabenlichter und... ähh... Rabenschmuckgehänge...

Joel sieht sich kauend die feilgebotene Ware an:
Haben Sie nicht was anderes, abgesehen von Krähen und Elstern?

Ruth-Anne guckt ihn gequält an.

Joel interessiert:
Womit schmücken Sie Ihre Tanne?

Ruth-Anne schüttelt grimmig den Kopf und räumt die Schachteln zurück:
Ich habe keine Tanne, Joel!

Joel:
Nein?

Ruth-Anne empört:
Es schmerzt mich. Der bloße Gedanke, ein lebendiges, gesundes Ding abzuhaken und es in meiner Wohnung zur Schau zu stellen, bis nichts mehr davon übrig ist, als verdorrte, kümmerliche Überreste seiner Schönheit, tut mir weh.

Joel schiebt sich noch ein Stückchen Rabenbrot in den Mund:
Wie wär's mit einem künstlichen?

Ruth-Anne faltet die Hände und gesteht katzig:
Mmmmm... - um die Wahrheit zu sagen, Joel, ich bin zufällig Atheist!

Joel überrascht:
Ach, Sie sind Atheist?

Ruth-Anne:
Hmm.

Joel:
Tatsächlich?

Nonchalant fordert Joel Ruth-Anne ein wenig heraus:
Ich habe Atheisten immer bewundert. Das erfordert viel Glauben. Ich meine, um die Existenz eines höchsten Wesens zu leugnen, braucht man Überzeugung.

Ruth-Anne protestiert:
Ja, aber ich glaube an ein höchstes Wesen! Ich glaube nur nicht, dass es menschliche Gestalt annimmt.

Joel nachdenklich:
Hmmm. Interessant, Ruth-Anne!

Die Ladenbimmel läutet erneut. Maggie stürmt in ihrem roten Mantel das Geschäft und ergibt sich ihrem Schicksal. Noch in der Tür ruft sie fatalistisch:
Okay, Ruth-Anne, erledigen wir es gleich!

Ruth-Anne ist gleich im Bilde und hat auch den erwarteten Brief zur Hand. Mitfühlend übergibt sie ihn:
Hier ist er, mein Kind!

Joel beobachtet Maggie kauend. Maggie reißt den Umschlag auf. Und Ruth-Anne kassiert Joels Einkauf ab:
Das sind dann elf fünfundneunzig, Joel!

Maggie hat den Brief überflogen und informiert erstaunt:
Sie fahren nach St. Thomas...
Joel, der neben ihr am Tresen steht, greift nach dem Brief:
Lassen Sie mal sehen, O'Connell...

Er liest laut vor:
Hmmm... wir hoffen du verzeihst uns, aber die Morsens haben uns ihr Wochenendhaus angeboten und Daddy hat die Ferien nötig. Vielleicht sehen wir uns ja zu Ostern.

Ruth-Anne freut sich für Maggie:
Oh, ich gratuliere! Jetzt mußt du nicht nach Hause fahren!

Und auch Joel beglückwünscht Maggie:
Ja, O'Connell, Sie können aufhör'n, sich zu mißhandeln.

Maggie hingegen reagiert seltsam. Sie senkt den Blick und macht einen betrübten Eindruck. Sie zuckt unentschlossen mit den Schultern
Ehmmm...

Joel begreifen diese Verhalten nicht:
Was ist los?

Maggie versucht ihre Enttäuschung zu überspielen. Stotternd sucht sie nach Worten:
Oh, ähmm ... gar nichts... - ... ich bin... ähmmm...

Joel ungeduldig:
Was?

Maggie:
Ich weiß nicht... Ich bin...

Joel hilft ihr aus:
...überrascht?

Maggie:
Ja... - oder nein, ...nein!

Sie guckt sich hilfesuchend um:
Ich bin... ähmm...

Ruth-Anne ermutigend:
...erleichtert?

Maggie dankbar:
Ja, erleichtert und...

Joel schlägt vor:
...glücklich?

Maggie bestätigend:
Genau! Ich bin erleichtert und glücklich... und überrascht.

Maggie schaut mit gespielter Fröhlichkeit in die zweifelnden Gesichter von Ruth-Anne und Joel:
Was für eine phantastische Erleichterung!
Was für eine glückliche Überraschung!
Ich bin so.. so... so...?
So!!!

Ruth-Anne und Joel wechseln irritiert Blicke.
Maggie dreht sich abrupt um und flüchtet aus dem Laden.

Joel kaut und nickt ironisch:
Hmmm.

Aus dem Radio dudelt weiterhin: "Stille Nacht".




Maurice hat sich am Kopf einer langen Tafel (im Gesellschaftszimmer seines Domizils) niedergelassen. Seine Gäste sitzen links und rechts vom Hausherrn und essen zu Abend. Asiatische Musik erklingt im Hintergrund vom Band und auf dem Tisch stehen etliche Schüsseln mit Reis und fernöstlichen Speisen, die wohl von Yong Chang zubereitet wurden. Der Besuch unterhält sich auf koreanisch.
Während alle geschickt mit Stäbchen essen, stochert und fuhrwerkt Maurice grobmotorisch mit einer Gabel in seiner Schale, als müßte er ein zähes Steak aufspießen. Er fühlt sich sichtlich unwohl in dieser Atmosphäre und auch das Essen ist ganz offensichtlich nicht nach seinem Geschmack...

Maurice deutet hinter sich auf die Musikanlage und quengelt:
Entschuldigt mal, können wir das leiser drehen?

Bong steht sofort auf, um sich an der Anlage zu schaffen zu machen:
Klar.

Yong Chang fordert Duk Won auf, Maurice noch mehr Essen anzubieten, doch Maurice wehrt nachdrücklich ab:
Oh? Nein, nein, nein, nein, nein...!

Yong Chang fragt (auf korenaisch) nochmals nach, doch Maurice zeigt auf seinen Bauch:
NEIN! – Ich bin satt!

Duk Won spricht Maurice an und nach kurzen Überlegen vermutet Maurice, dass sein Sohn gefragt hat, ob ihm das Essen geschmeckt habe:
O ja!

Duk Won unterhält sich kurz mit seiner Mutter, sie lächelt. Maurice stopft sich noch etwas von dem koreanischen Essen in den Mund.
Duk Won radebrecht:
Däh-dy?

Maurice kaut und starrt Duk Won entsetzt an.

Duk Won spricht sanftmütig auf ihn ein. Maurice versteht kein Wort. Mit versteinerter Miene glotzt er den fremden Mann an. Yong Chang und Bong lächeln.
Als Duk Won Maurice am Ärmel berührt, grinst er kurz und wendet sich hilflos an Bong. Stotternd bittet Maurice um eine Übersetzung:
Also, ...ich, ich hab' keine Ahnung... was ähh...! Bong, was sagt er?

Bong:
Dad ist glücklich, dass du sein Dad bist.

Duk Won strahlt Maurice fragend an. Maurice ist indigniert:
Oh, tja das ist...? Ha, ha... Das ist fein.

Maurice kratzt langsam die Reste aus seiner Schale.

Duk Won spricht wieder freundlich auf Maurice an. Er gestikuliert und Yong Chang ermutigt ihn. Duk Won kramt eine Kassette hervor und reicht sie Bong schließlich über den Tisch. Bong legt das Band ins Abspielgerät.

Maurice ist überrumpelt und fragt ratlos:
Was...?

Duk Won in gebrochenen englisch:
Musik, Musik...

Maurice unsicher:
Aha...!

Duk Won erhebt sich und postiert sich feierlich zwischen seine Eltern vor den Weihnachtsbaum. Maurice sieht dem Treiben argwöhnisch zu. Die Karaoke beginnt: aus den Boxen der Stereoanlage schallt die Musik von "FLY ME TO THE MOON" und Duk Won singt rührend schief und in einem erbärmlichen englisch:

Fai mi to the moon and led mi pray amang the staaar.
Led mi see vor spring is leik onto upieter on marrr.
In ather wörd,... hohl mei händ... -
In ather wörd,... FATHER kiss me!


Maurice beäugt den Auftritt mit verzerrten Gesicht, als jedoch Duk Won die Original-Zeile: "BABY kiss me!" umändert und statt dessen "FATHER kiss me!" krächzt, fällt ihm die Kinnlade endgültig herunter! Yong Chang macht stolz Andeutungen, dass sie geholfen hat, den Song einzustudieren. Maurice starrt fassungslos seinen Sohn an.

Duk Won läßt sich nicht beirren und setzt seine Aufführung munter fort:
Fil mei hart with song and led mi sing for ever morr...

Maurice reißt sich zusammen und lächelt Duk Won verlegen an.





Es dämmert langsam in Cicely. "The Brick" ist zu dieser Stunde bereits gut gefüllt. Im Hintergrund klimpert eine fröhlich-swingende Version von
"White Christmas"
Shelly spielt an der Theke der Kneipe mit Krippenfiguren die Weihnachtsgeschichte nach. Der kleine Jesus ist umringt von Maria & Josef, die Hirten knien bereits im Stroh...

Shelly schiebt einen König an die Futterraufe und flüstert mit tiefer Stimme:
Wir bringen Geschenke für das Jesuskind!

Sie läßt einen weiteren König vortreten:
Op, op, op...

Während Shelly in ihrem Spiel vertieft ist, setzt sich Holling zu Chris, der sich (außer Hörweite) ein paar Hocker weiter mit Weihnachtspunsch und einem Bierdeckel die Zeit vertreibt. Chris trägt ein beige Raben-T-Shirt unter seiner Lederweste.

Holling:
Chris, - hast Du für dieses Weihnachten irgendeine Art von Gottesdienst geplant?

Holling schaut Chris erwartungsvoll an. Chris legt den Bierdeckel bei Seite:
Nein, nichts Spezielles... Ich meine, ich dachte an ein nachrabentliches Frage- und Antwortspiel mit einigen der Festspielteilnehmern.

Holling grübelt ein wenig enttäuscht:
Hmm...

Chris fragt:
Was ist?

Holling nachdenklich:
Ich hatte da eher an etwas Traditionelles gedacht.

Chris überlegt kurz und nickt zustimmend:
Ja, - ähm, ja,... wir können ja ein paar Weihnachtslieder singen.

Holling:
Naja, mehr sowas in der Art einer Messe...
Shelly ist katholisch. Ihr fehlt die Weihnachtsmesse.

Holling deutet mit dem Daumen zu Shelly und Chris sieht langsam zu ihr hin. Shelly ist weiterhin in ihr Krippenspiel versunken.

Chris überfordert:
Oh. Ja!
Weißt du, das ist ein ernsthaftes, kodifiziertes Ritual, Holling.
Das ist leider nicht meine Kragenweite!


Holling gibt noch nicht auf:
Du kannst doch etwas Latein, oder?

Chris winkt ab:
In vino veritas... Eigentlich nur sowas.

Chris spielt wieder mit dem Bierdeckel und überlegt kurz:
Äh, - ich hatte irgendwo eine lateinische Ausgabe der Genesis rumliegen. Ich könnte Shelly ein paar Zeilen daraus vorlesen.

Holling dankbar:
Nein, das wird nicht das Richtige sein...
Trotzdem Danke!

Er drückt Chris die Schulter und läßt ihn nachdenklich zurück.




Shelly sitzt schwermütig im Brick vor einem Glas Eierpunsch. Sie betrachtet die Weihnachts-Krippe, die sie auf dem Tresen aufgebaut hat und träumt von einem altmodischen Charlie-Brown-Weihnachten mit Chor, Kerzen und christlichen Ritualen. Maggie setzt sich erstaunlich fröhlich zu Shelly an die Bar.

Maggie seufzt befreit, als sie sich auf ihren Hocker plumpsen läßt:
Uuuha. Hi Shelly!

Shelly bedrückt:
Hallo, Maggie...
Gratuliere, dass du nicht nach Hause mußt.


Maggie legt ihren Mantel auf einen Hocker ab und schwärmt überschwenglich:
O ja, das ist toll. Eine unglaubliche Erleichterung.

Shelly nippt an ihrem Glas:
Es gibt Eierpunsch!

Maggie nimmt sich ein Rabenglas:
Ohh. Wundervoll.

Sie gießt sich aus einer Karaffe Eierpunsch ein:
Ich freue mich schon so richtig auf Heilig Abend. Das wird das erste Mal in meinem Leben sein, dass ich ihn ganz alleine verbringe! Niemand wird mich nerven, mich mit Forderungen bombardieren und mit Erwartungen... - es wird einfach ruhig und... friedlich sein.

Shelly hört Maggie gar nicht richtig zu. Sie hat sich den Heiligen Josef aus der Krippe geschnappt und betrachtet ihn ehrfürchtig.
Shelly säuselt verträumt:
Heilig...?

Maggie plappert munter weiter, während Shelly die Krippenfigur nachdenklich zurückstellt:
Hmmm - interessante Art es zu betrachten. Ich muß mich nicht mit meiner Mutter oder meinem Bruder herumschlagen.

Shelly spielt weiter mit der Krippe und flüstert abwesend:
Unser Vater...?

Maggie nimmt kopfschüttelnd das Stichwort auf, ohne zu begreifen, dass Shelly in einer ganzen anderen Welt vertieft ist:
Weißt du, mein Vater ist zu Weihnachten immer unmöglich. Ich meine er,.. er, er, er redet nicht mal vernünftig mit einem...

Shelly gedankenverloren:
Gemeinschaft...?

Maggie:
Ja, genau!
Weißt du, als meine Eltern mir für Weihnachten absagten, da war das beste Geschenk, das sie mir hätten machen können.


Dave nähert sich fröhlich mit einem älteren indianischen Ehepaar.

Dave:
Maggie?
Ich möchte dich meinen Eltern vorstellen.

Maggies Gesichtsausdruck versteinert sich langsam.

Dave hat seine Mutter liebevoll umarmt. Er freut sich:
Sie sind gerade aus Barrow angekommen.
Mam! Dad! Das ist Maggie O'Connell!


Maggie legt die Hände vors Gesicht und sackt verzweifelt auf ihrem Hocker zusammen:
Ahhhhh....!





Auf Cicelys Bürgersteigen liegt Schnee. Ein blaues Licht durchflutet die nächtlichen Straßen. Die Häuser sind festlich geschmückt. Weihnachtssinger sind unterwegs und stimmen fröhlich ein Lied an.
Begeistert verfolgt Chris die Prozession, Maurice steht dagegen wie ein ausgesetzter Hund am Rande. Er hat sich aus einem Haus geschlichen, um frische Luft zu schnappen.

Chris gestikuliert enthusiastisch:
O Mann, Maurice, ich sage dir: wenn ich diese Weihnachtssinger höre, diese menschlichen Stimmen, in aufsteigen zum Himmel in einer harmonischen Klangpyramide, - dann flipp' ich aus, dann werde ich ganz leicht in meinen Stiefeln... Ist das bei dir auch so?

Maurice stöhnt freudlos auf:
Ähhh.

Chris ungläubig:
Nein?

Die beiden gehen langsam ein Stück zusammen.
Chris schlägt Maurice freundschaftlich auf die Schulter und fragt unsicher:
Hey, wo ist denn die Familie?

Maurice traurig:
Zu Hause.

Chris:
Ach...

Maurice packt mißmutig aus, was ihn bekümmert:
In meinem Zuhause. In dem ich mich nicht mehr fühle, wie in meinem Zuhause.
Ich mußte raus, an die frische Luft. Unsere Sprache hör'n.


Chris fühlt sich bei diesem Gespräch unwohl, er guckt sich hilfesuchend um. Ihm ist kalt.
Ja.. ähmmm. Tja...

Maurice:
Weißt du, Chris, mein ganzes Leben habe ich davon geträumt, einen Sohn zu haben. Einen kleinen quirligen Racker, den ich auf den Knien hopsen lassen kann... Dem ich jagen, reiten, fischen beibringen kann.

Chris geht kurz in die Hocke:
So einen klitzekleinen Mini-Maurice, was?

Maurice abschätzig:
Ja, und was kriege ich?
Ach... Einen ausgewachsenen Chinesen.

Chris vorsichtig:
Ich dachte, Duk Won ist Koreaner.

Maurice nüchtern:
Ach, das ist doch fast das selbe.

Chris haucht sich Wärme in die hohle Faust und versucht Maurice aufzumuntern:
Weißt du, Maurice, erwachsene Kinder haben eine Menge für sich. Sie sind schon aus dem Haus, du brauchst dich nicht mehr um die KFZ-Steuer zu sorgen, nicht um die Schule...

Maurice wehrt ab:
Es ist nicht das Alter, Chris! Das könnte ich verkraften. Alles könnte ich verkraften. Körperliche Behinderungen, niedriger IQ, - das könnte ich verkraften. Ich würde auch damit fertig werden, wenn er ein Bücherwurm wäre, ich würde ihn trotzdem akzeptieren, aber... wäre er doch nur...

Maurice scheut sich, es auszusprechen.

Chris bringt es auf den Punkt:
...weiß?

Maurice starrt Chris einen Moment ernst an:
Ja! Weiß!

Er schämt sich dafür ein wenig und blickt verlegen um sich:
Ich verstehe die Sache mit dir und deinem Bruder Bernard und deine Entscheidung, ein Farbiger zu sein. Ich respektiere sie sogar. Jeder muß das Recht haben, seine eigenen Fehler zu machen. Aber das hier,... das ist mein eigen Fleisch und Blut... und ich... Das geht mir ziemlich nahe, verstehst du was ich meine?

Chris versteht. Er nickt:
Es ist das Andere!

Maurice fragt gereizt:
Das Andere?

Chris atmet tief durch. Er weiß, dass er nun etwas sagen wird, was Maurice nicht besonders gefallen wird.
(Es folgt eine der schönsten Szenen dieser Folge...)

Chris:
Maurice! Stell dir mal konzentrische Kreise vor.
Der innere Kreis sind wir selbst, dann die Familie, dann der Stamm, dann der Nachbarstamm und so weiter und sofort und... je weiter du dich vom Zentrum entfernst, um so fremdartiger wird alles. Die Menschen auf den äußeren Kreisen, sie bilden das Andere!


Maurice grübelt:
Worauf willst du hinaus?

Chris:
Naja, - beim Sex ist das Andere gut.
Ich meine, damals hast du dich wahrscheinlich von Dok Wons Mutter sehr angezogen gefühlt, aber...
Wenn man das Andere vom Äußeren nimmt und zum Inneren dazunimmt, dann klappt das manchmal nicht.


Maurice:
Egal, wie du die Sache drehst und wendest, es ist ein Alptraum!
Dieser Mann ist mein Sohn. Ich mag nicht, wie er aussieht, ich mag nicht, wie er redet, ich mag nicht, was er ißt.


Chris aufgeklärt:
Falls dir das ein Trost ist, Maurice, deine Gefühle sind nicht instinktgeleitet.

Maurice:
Nein?

Chris:
Sie sind kulturell bedingt.

Maurice ungeduldig:
Und wieso sollte mir das ein Trost sein?

Chris:
Es ist erlerntes Verhalten.

Maurice:
Na und?

Chris:
Du kannst es dir wieder abgewöhnen.

Diese Antwort macht Maurice nachdenklich. Er sieht sich unsicher um, schaut schließlich Chris an, der ihn versöhnlich anlächelt. Die Weihnachtssinger kommen zurück, Maurice entfernt sich wortlos. Chris atmet durch und folgt ihm.




Das DEUTSCHE SKRIPT dieser Folge "Jugendsünden" wurde exklusiv für die Internet-Initiative DOKTOR FLEISCHMAN SOLL WIEDER ERYTHROZYTEN ZAeHLEN von Volker Herrmann, D-Meppen verfaßt. Die Dialoge und Handlungsstränge wurden dafür aus einer Videoaufzeichnung protokolliert.
Alle Rechte vorbehalten. Copyright für das Text-Skript bei Volker Herrmann, D-49716 Meppen.
Nur zum privaten Gebrauch. Veröffentlichungen, auch einzelne Teile, nur nach Rücksprach
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