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Mittagszeit. Über das Plateau von Cicelys Flugplatz pfeift ein kalter Wind. Am Horizont erheben sich majestätische Gebirgsketten, deren eingeschneite Gipfel von diesigen Schleiern umgeben sind. Die Sonne scheint von einem bewölkten Himmel. Alles in allem handelt es sich um einen ungemütlichen, wenn auch nicht trüben Tag. Rund um die Einflugschneise stehen zwischen grünen Tannen und Fichten etliche kahle Laubbäume. Vor dem offenen Hangar sind zwei kleine Propellermaschinen auf dem braunen Gras der Ebene abgestellt. (Seltsamerweise liegt nirgendwo Schnee.) Maggie versucht gerade verzweifelt das Triebwerk einer rot-weiß-lackierten Cessna zu reparieren. Sie trägt Handschuhe. Die Motorhaube ist entfernt und Maggie fuhrwerkt ratlos an der Benzinleitung herum. Jane Harris parkt einen gelben Chevrolet (älteren Baujahrs) zwischen den beiden Flugzeugen in unmittelbare Nähe der lädierten Maschine. Als sie aussteigt und auf Maggie zuschreitet, nimmt sie lässig ihre dunkle Sonnenbrille ab. Ihr kühnes Auftreten läßt ohne weiteres militärischen Drill erkennen. Auch sie hat sich Handschuhe übergezogen und einen Schal um den Hals gewickelt. Der Wind weht den Frauen durch die Haare und ihr Atem kondensiert bei der Kälte zu feinem Nebel. Außer der beiden Pilotin scheint sich momentan niemand auf dem Gelände zu befinden. Jane steigt zu Maggie auf ein Podest und fragt interessiert: Gibt's Probleme? Maggie guckt nicht auf, sondern fummelt weiter am Triebwerk herum. Sie hat in der linken Hand einen öligen Lappen und reagiert eher reserviert: Ach... Sie fängt an zu stottern oberhalb von zweitausendfünfhundert Metern. Jane wirft einen kundigen Blick auf den defekten Motorblock: Was ist das? Eine Continental? Maggie antwortet nicht. Sie schaut lediglich einen kurzen Moment genervt von ihrer Arbeit hoch. Maggie ist immer noch wegen der Auseinandersetzung in Ruth-Annes Laden auf Jane verärgert. Obwohl es so scheint, als ob Jane genau wüßte, an was für einem Cessna-Typ Maggie bastelt, fragt sie trotzdem: Eine Hundertfünfundvierziger? Maggie bestätigt abweisend: Ja, eine Hundertfünfundvierziger. Jane vermutet: Sieht aus, als sei das Benzin-Luft-Verhältnis beeinträchtigt. Sie merkt durchaus, dass sie im Augenblick nicht besonders willkommen ist, denn Maggie schraubt weiter am Motor. Dennoch versucht sie Maggie aus der Reserve zu locken: Oder vielleicht liegt's am Vergaser. Manche von den Vergasern mit Schwimmern sind mit einer Mischungskontrolle für den Höhenausgleich ausgerüstet... Maggie schaut Jane jetzt das erste Mal kurz ins Gesicht. Mit einem quengelnden Unterton erwidert sie gereizt: Wahrscheinlich liegt es nur an Ablagerungen in der Benzinleitung. Doch Jane begründet ihre Theorie: Aber dann dürfte die Höhe keine Rolle spielen. In Maggie rumoren es. Während Jane mit ruhiger Stimme fortfährt, hält sie inne. Jane: Manchmal wenn die atmosphärische Dichte nachläßt, kann es passieren, dass das Zeug dadrin gummiartig wird. Maggie verzieht verächtlich den Mund. Es fällt ihr schwer, Jane zuzuhören, die munter jedoch weiterdoziert: Verstehen Sie? Ein wenig zäh. Es sei denn, die Regulierung stimmt einwandfrei... Maggie starrt Jane feindselig an. Sie kann nicht glauben, dass so eine intelligente Persönlichkeit, so konservativ eingestellt sein kann. Jane kontert den bösen Blick hingegen gleichmütig: Was ist? Stimmt was nicht? Maggies aufgestaute Wut platzt nun aus ihr heraus. Empört spuckt sie die Worte aus: Wi...wie konnten Sie das sagen? Maggie kehrt Jane zornig den Rücken. Mit einen Satz springt sie von dem Sockel auf den Rasen. Doch Jane ruft ihr stoisch hinterher: Wie konnte ich was sagen? Sie folgt Maggie, die sich nun entrüstet umdreht und wild gestikulierend Janes Standpunkte rezitiert: "Labil"... "für zwei Wochen im Monat"... "Bei Töten ist kein Verlaß auf sie"... "Frauen sollten keine Kampfeinsätze fliegen"... Mit geballten Fäusten funkelt Maggie Jane finster an: Das haben Sie tatsächlich gesagt: "Frauen sollten nicht zu Kampfeinsätzen!" Jane entgegnet selbstbewußt: Das ist meine Meinung. Maggies Stimme überschlägt sich fast: Ihre Meinung?! Aber das kann unmöglich ihre Meinung sein... Jane: Wieso nicht? Geradezu flehentlich antwortet Maggie: Weil sie einen Frau sind... Und dazu noch eine fähige, gebildete und kluge Frau, find' ich. Jane schüttelt unbeeindruckt den Kopf: Und...? Maggie redet empört auf sie ein: Wo sind Sie die letzten zwanzig Jahre gewesen? Haben Sie noch nie was von Schwesternschaft gehört? Verschwörerisch fordert sie Jane auf: Wir müssen uns doch gegenseitig unterstützen... Jane tut so, als wüßte sie nicht, worauf Maggie hinaus will: Wer muß sich gegenseitig unterstützen? Maggie begreift die Frage nicht. Für sie ist die Antwort selbstverständlich: Wir Frauen. Mit zynischen, katzenfreundlichen Tonfall antwortet Jane: Ach, Sie sind eine von denen... Maggie ungehalten: Eine wovon? Jane verschränkt unversöhnlich ihre Arme vor der Brust: Sie glauben, nur weil wir beide vermutlich Strumpfhosen tragen und... und... uns die Beine rasieren, müssen wir auch der selben Meinung sein, was gewisse Dinge angeht?! Mit einem spöttischen Grinsen auf dem Gesicht liest sie Maggie die Leviten: Ich habe meine eigenen Vorstellungen. Es sind meine Vorstellungen und wenn's Ihnen nicht paßt, dann ist das Ihr Pech. Und ich laß mich nicht von Ihnen oder einer anderen Schwester diktieren, wie ich fühlen oder denken soll. Ach ja,... ähm... Und während Maggie Jane haßerfüllt fixiert, rückt ihr Jane provozierend nahe auf die Pelle und erklärt höhnisch: ... Noch etwas, Schwester: ich hab' schon eine Schwester... Mit einem Lächeln tippt sie Maggie mit dem Zeigefinger ein Mal auf die Schulter: ...und Sie sind das nicht. Beide Frauen blicken sich schweigend eine Weile herausfordernd in die Augen. Dann verläßt Jane die völlig verunsicherte Maggie. Während sie an Maggie zielstrebig vorbeigeht, um in das zweite, einsatzfähige Flugzeug zu klettern, bleibt Maggie nachdenklich grübelnd stehen. Ihre zusammengesackte Haltung verrät ihre Niederlage. Stumm dreht sie sich zu Jane um und schaut ihr konsterniert nach. |
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Später Abend. Die Fenster des Brick sind dunkel, nur die Leuchtreklame strahlt rötlich auf den Schnee, der auf dem Bürgersteig liegt. Im oberen Stockwerk brütet Holling mürrisch über seinen Schulbüchern. Er trägt seinen verschlissenen Frottee-Bademantel und sitzt im Schlafzimmer an einem Schreibtisch. Shelly blättert auf der Bettkante in Hollings neuster Klassenarbeit. Auch sie hat sich für die Nacht zurecht gemacht und ist in ein viel zu großes Pyjamaoberteilen geschlüpft, das sie aufgeknöpft über einem knappen Nachthemd trägt. Die Schlafzimmerbeleuchtung spendet nur ein schummrig, oranges Licht. Holling mißmutig: Ich versteh' das nicht. Ich habe alle Vokabeln verwendet. Shelly schaut auf und sagt beschwichtigend: Eine zwei ist doch gut, Holling. Holling ist jedoch in verdrießlicher Stimmung. Ohne sich zu Shelly umzudrehen, berichtet er verächtlich: Die Kleine neben mir hat über die Carlsbad-Höhlen geschrieben und sie hat ´ne eins gekriegt... Mit ein einer Spur weniger Bitterkeit fügt er hinzu: Nicht, dass ich ihr das mißgönne,... Aber mein Aufsatz war doppelt so lang und ich habe drei Metaphern verwendet. Er wendet sich nun zu Shelly und unterstreicht seine Leistung, indem er ihr demonstrativ drei Finger entgegenstreckt. Shelly guckt jedoch unbeeindruckt auf die Klausur und erwidert: Na ja,... hier steht, du hättest Probleme mit der Interpunktion und den Satzverknüpfungen... Holling wendet sich mit eingeschnappten Gesichtsausdruck ab und klappt trotzig ein Buch zu. Und nun verpaßt Shelly ihm sogar noch einen zusätzlichen Schlag. Sie steht von der Bettkante auf und während sie auf ihn zukommt, bemerkt sie: Ich finde, du hast Glück, dass sie dir wegen der Form nichts reingedrückt hat. Holling wirft nur verzweifelnd den Kopf nach hinten. Shelly reicht ihm seine Hausaufgabe als Beweis für ihre Urteil: Sieh' dir das an... Aber Holling ignoriert die Geste. Er richtet sich auf und geht zögernd um den Stuhl herum und gibt verdrossen bekannt: Ach was, ich glaube so langsam, diese ganze Sache ist bloß Zeitverschwendung, Shell. Aber damit ist er bei Shelly an der falschen Adresse. Empört fragt sie: Was?! Holling kratzt sich kurz an der Stirn: Ja,... Er fühlt sich in die Enge getrieben und reagiert nun entsprechend aggressiv. Er fuchtelt wild mit den Händen und behauptet angriffslustig: ...ich kann lesen, ich kann rechnen, was soll ich mit noch mehr Bildung? Ich habe meine Bücher seit über dreißig Jahre selbst geführt. Shelly blickt ihn mitleidig an und resümiert mit ironischer Stimme: Du hast also fürs Leben genug gelernt, hä?! Holling vergräbt seine Hände in den Taschen seines Morgenmantels. Er guckt Shelly in die Augen und erwidert: Ich habe bereits einen Job, ich bin zufrieden... und kein Fetzen Papier wird dabei helfen oder hinderlich sein. Da Shelly seinem Blick standhält, kehrt er ihr ausweichend den Rücken und rechtfertigt sich schwach: Abgesehen davon, warum muß ich überhaupt über Dinge schreiben, die ich sowieso schon weiß? Oder eine neue... Er läßt sich müde aufs Bett sinken und sieht zu Shelly hoch: ...mathematische Methode lernen? Das Leben ist zu kurz. Shelly kann es nicht fassen. Sie redet auf ihn ein, als wäre er ein bockiges Kind: Du willst also damit leben, dass du mit so etwas Megawichtigen einfach aufgegeben hast? Dass du einfach gekniffen hast, anstatt dich... durchzubeißen? Zerknirscht hockt Holling auf der Bettkante und dementiert kleinlaut: Na ja, ein richtiges Kneifen wäre das ja nicht... Shelly läßt sich allerdings nicht beirren. Sie wäscht ihm gehörig den Kopf: Ach komm' mir nicht mit dem Blödsinn, Holling. Erst versagt man, dann kneift man. Genauso war es bei der Wahl zur "Miss Nord-West-Passage". Während Shelly gestikulierend am Bett auf und ab schreitet und Holling Courage predigt, kaut er grübelnd auf seiner Lippe: In der Garderobe vor der Wahl, während die Mädels sich alle aufputzen, da denkt man sich: du bist dabei, du hast ´ne Chance! Das Seidenband kannst du genau so gut wie alle anderen über deinen Titten tragen, hab' ich Recht? Aber bei der Generalprobe siehst du gegen wen du wirklich antrittst: achtzig Tussis mit perfekten Titten und Ärschen, Haarsprayfrisuren und glänzenden Vaseline-Lippen und du denkst dir, wozu der Aufwand? Ich bin hier falsch!!! Und im ersten Augenblick willst du kneifen,... Sie geht auf Holling zu und tippt ihn mit dem Zeigefinger auf die Schulter: ...aber du tust es nicht... Hä?! Dezentes Klavierspiel setzt ein. Shelly hat sich neben Holling gesetzt und fragt: Und weißt du auch wieso? Holling starrt schmollend zu Boden. Shelly klopft ihm aufmunternd auf den Oberschenkel und wispert ihm verschwörerisch zu: Weil dir auf einmal ein Licht aufgeht. Gewinnen ist wichtig, klar, das ist das abgefahrenste,... Holling sieht ihr nun offen ins Gesicht. Shelly: ...aber hauptsächlich bist du dabei, weil, nur dabei zusein ist schon wichtig genug, oder? Er wendet zweifelnd den Blick ab, doch Shelly fährt fort: Und wenn du kein Gewinner warst, dann warst du wenigstens ein Teilnehmer. Ein Kandidat. Aber wenn du kneifst, wirst du nie was anderes sein, als... ein Versager Langsam dreht er den Kopf und schaut Shelly schweigend an. Sein Mienenspiel läßt Einsicht und Respekt vermuten. |
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Es dämmert. Das bescheidene Portal von Seattles Gendarmerie 5475 wird von zwei Laternen beleuchtet. Vor dem alten Backsteingebäude parkt ein dunkler PKW neben einem Polizei-Transporter. Der Bürgersteig ist menschenleer. Die Scheinwerfer eines vorbeifahrenden Autos bringen vorübergehend Licht in die Dunkelheit. Der diensthabende Detective McNamara begleitet Joel gerade durch das Polizeirevier in sein Büro. Auf einer Wanduhr ist es kurz nach halb zehn abends. Auch in der Wache ist es eher düster, was nicht zuletzt an der sparsamen Beleuchtung und den dunkelroten Wänden liegen mag. Im Hintergrund telefoniert ein anderer Polizist. Auf dem Flur herrscht geschäftiges Treiben. Immer wieder klingelt ein Telefon und leises Gemurmel dringt bis in McNamaras Dienstzimmer. Der Polizist ist Anfang fünfzig. Er ist glatt rasiert und fast kahlköpfig, der kurz geschnittene Haarkranz verleiht ihm eine gewisse Seriosität. Seine kräftige, untersetzte Statur strahlt Gutmütigkeit aus. Er trägt ein braunes Tweed-Jackett (mit passender Krawatte und ein weißes Oberhemd) und macht einen durchaus sympathischen Eindruck, als er Joel wohlwollend befragt: So, es steht also fest, dass sie hier in Seattle ist. Eine der Stewardessen, äh... Miss Coens, hat sie eindeutig identifiziert, bis hin zu dem, was sie anhatte. McNamara geht voraus. Er wirft einen Blick auf ein Klemmbrett: Und die genaue Uhrzeit von Miss Whirlwinds Landung? Als die beiden das Dienstzimmer erreicht haben, bietet der Polizist Joel einen Stuhl an: Äh... nehmen Sie Platz. Joels Parka klemmt zusammengerollt unter seinem linken Arm, er tapst folgsam hinter dem Detective her: Danke. Joel trägt einen grünen Wollpulli und seine Lesebrille. Während er seinen Mantel auf dem Besucherstuhl ablegt, liest er aus einem kleinen Notizbuch die gewünschten Informationen ab: Ähm... es war neun Uhr morgens, Dienstag morgen... ähm... und es war der Flug drei-neun-vier aus Anchorage. Er setzt sich nicht hin, sondern kramt in den Taschen seines Parkas: Ich habe hier außerdem ein Foto. Vielleicht hilft Ihnen das... McNamara hat hingegen Platz genommen. Sein Schreibtisch ist überladen mit Aktenordnern und Büroutensilien. Neben dem Telefon steht eine Kaffeetasse. Eine schwache Schreibtischlampe erhellt den Raum schummrig. Joel hat den Schnappschuß gefunden und beugt sich damit zum Polizisten: Das ist sie. Das da links... mit dem... Er läßt sich auf einen Stuhl plumpsen: Elchgeweih... Während Joel ein wenig befangen seine Brille abnimmt, betrachtet der Detective nachdenklich das Foto: Links also, aha. Joel erschöpft: Puh... Er sitzt weit vorgebeugt auf dem Stuhl und beobachtet sein Gegenüber erwartungsvoll. McNamaras betrachtet immer noch das Foto von Marilyn, nebenbei macht er sich Notizen und fragt: Doktor Fleischman, der wachhabende Sergeant hat gesagt, Sie hätten auf die Möglichkeit eines gewaltsamen Todes hingewiesen... Nun sieht er Joel neugierig an, der weiterhin in dieser leicht unterwürfigen Haltung dasitzt. Er antwortet stockend: Na ja, dass weiß ich nicht. Ich bin nicht sicher... äh... Warum hat sie sich nicht mit dem Fahrer getroffen? Ohne lange nachdenken zu müssen, bittet McNamara einnehmend: Darf ich Ihnen ein mögliches Szenario vorschlagen? Joel, der offensichtlich Eds verstörende Frantic-Allegorie noch nicht vollständig verdaut hat, erwidert eingeschüchtert: Ja bitte... McNamara atmet tief ein. Mit beschwichtigender Gestik schmückt er seine kleine Geschichte aus, während er Joel sanftmütig in die Augen blickt: Miss Whirlwind lernt einen Gentleman in der Flughafenbar kennen, man trinkt was, man lacht, sie amüsiert sich großartig. Joel hört dem Polizisten aufmerksam zu, nickt sogar gelegentlich skeptisch, doch sein Blick verrät unbedingte Ablehnung. Unbeeindruckt bastelt der Detective weiter an seiner bagatellisierenden Hypothese: ...Und sie entscheidet sich, auf ihre geplanten Ausflüge zu verzichten zugunsten eines Wochenendes mit ihrem neuen Freund. Na, so etwas kann sehr schnell... Mit einem zurückhaltenden Lächeln fällt Joel ihm ins Wort: Nein, nein, Sie verstehen nicht ganz... ähm... Marilyn gehört nicht zu den Frauen, die sich an irgendeiner Flughafenbar abschleppen lassen, okay? McNamara schaut Joel neugierig an. Joel ringt um eine zutreffende Erklärung: Wie soll ich das ausdrücken? Sie ist... nicht so wie andere Menschen. Der Detective wird langsam stutzig: Nein? Joel: Nein,... sie ist besser. McNamara grient gequält. Er weiß nicht, worauf Joel hinaus will und hakt schließlich nach: Besser? Inwiefern? Joel versucht es dem Detective verständlich zu machen: Besser als Sie, besser als ich. Besser als jeder andere! Sie ist... Aber Joel fehlen momentan die passenden Worte. Nach einer kurzen Pause sagt er: ...ich weiß nicht. Sie ist einfach. McNamara glaubt nun begriffen zu haben, wie Joel Marilyn einschätzt und faßt routiniert zusammen: Sie ist entwicklungsmäßig zurück. Er ist bereits dabei einen entsprechenden Vermerk zu seinen Notizen hinzuzufügen, als Joel ihm energisch widerspricht: Nein, nein, nein! Nicht einfach in dem Sinne. Ganz im Gegenteil: sie ist sehr intelligent, scharfsichtig,... ich meine, sie ist manchmal sogar genial... McNamara blickt von seinen Unterlagen leicht genervt auf. Er atmet einmal tief durch. Joel hingegen korrigiert sich stotternd: Ich meine,... wenn ich sage einfach, dann meine ich,... äh... auf eine elegante Weise. Der Detective hat inzwischen seine Theorie der spontanen Urlaubsbekanntschaft verworfen und geht nun einem neuen Verdacht nach. Während er Joel nach Marilyns Gemütsverfassung befragt, spielt er unsicher mit seinem Kugelschreiber: Und hat sie... ähm... einen depressiven Eindruck gemacht, bevor sie die Reise antrat? Er wirft Joel einen scheelen Blick zu. Joel hockt immer noch in dieser lauernden Position. Er antwortet zögernd: Ich glaube nicht. Er macht eine Pause um zu überlegen, dann fügt er hinzu: Das ist nicht so leicht zu sagen. Sie ist... äh... irgendwie wortkarg. McNamara entgeistert: Wortkarg? Joel murmelt gedankenverloren: Ja. Er denkt nach. Joel ahnt, dass sich der Detective von Marilyn ein völlig unzutreffendes Bild macht. Um ihre oft nervtötende Einsilbigkeit zu illustrieren, ergänzt er: Ja, aber auf eine positive Art. Äh... eigentlich spricht ihr Schweigen Bände... McNamara notiert es sich mit verkniffener Mimik. Müde sagt er: Verstehe. Ohne von seinen Unterlagen aufzublicken fragt er: Gibt es sonst noch was? Joel überlegt kurz: Hmm... tja,... Und dann fällt ihm tatsächlich noch was ein: Ja! Sie ist arglos. McNamara guckt Joel an, als ob er das Wort noch nie in seinem Leben gehört hätte: Wie bitte? Joel gibt jovial Auskunft: Arglos! Ohne Arglist. McNamara verliert allmählich seinen Langmut. Er möchte sich Joel mit einem unsicheren Lächeln vom Halse schaffen und druckst: Ahä... Doktor Fleischman, ähm...äh... i...ich teile Ihre Besorgnis wirklich. Er redet mit seiner sonoren Stimme freundlich auf Joel ein. Seine Hände gestikulieren beschwichtigend: Aber zu diesem Zeitpunkt, ohne irgendwas beschönigen zu wollen,... äh... haben wir lediglich eine vermißte Person. Er macht eine pathetische Pause. Mit einem Hundeblick schaut er Joel offen in die Augen und heuchelt Mitgefühl: Ich... ich kann erst in vierundzwanzig Stunden einen formellen Bericht einreichen. Entsetzen spiegelt sich auf Joels Gesicht. Fassungslos entgegnen er: In vierundzwanzig Stunden?! Aber... ich meine, ist es Ihnen klar, was einem Menschen in vierundzwanzig Stunden zustoßen kann? McNamaras Hände liegen gefaltet auf dem Schreibtisch. Bedauernd antwortet er: Tut mir leid, aber so lauten die Vorschriften. Niedergeschlagen nimmt Joel die polizeilichen Statuten zur Kenntnis. Kleinlaut fragt er schließlich: Gibt es denn gar nichts, was ich tun kann? McNamara zögert einen Moment. Und dann informiert er Joel nüchtern: Tja... nun,... als Privatmann haben sie selbstverständlich das Recht, das Leichenschauhaus aufzusuchen. Joel starrt den Detective sprachlos an. Er kann nicht glauben, was er gerade gehört hat. McNamara greift sich seinen Kugelschreiber und während er andächtig das Formular bearbeitet, huscht ein selbstzufriedener Ausdruck über sein Gesicht. |
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Es ist Nacht in Cicely. Nur im Brick brennt noch Licht. Die Gäste sind jedoch bereits gegangen. Die Letter der Leuchtreklame glimmt rot und blau in den Fenstern. Die Barhocker stehen umgedreht auf der Theke. Holling hockt auf einer Eckbank und brütet an einem Gästetisch über etlichen Papieren und Büchern. Er wird gerade von Shelly in Gemeinschaftskunde abgefragt. Shelly sitzt einige Meter entfernt an einem Nebentisch und schaut konzentriert in ein Lehrbuch. Nebenbei füllt sie Ketchup-Flaschen auf. Trotz der späten Stunde wirken beide hellwach. Shelly ist in bester Stimmung und auch Holling macht einen zuversichtlichen Eindruck. Mit der Ketchup-Flasche in der rechten Hand und dem linken Zeigefinger auf der Zeile im Schulbuch schaut Shelly Holling prüfend an: Okay, nachdem alle Wahlmännerstimmen beglaubigt wurden... Was geschieht dann? Holling sitzt kerzengerade auf seinem Stuhl. Aufmerksam fixiert er Shelly, seine Hände spielen mit einem Bleistift: Dann werden sie zum Kongreß geschickt. Shelly schaut ins Buch, wartet einen Moment und hakt dann nach: Uuund? Holling überlegt: Und... öh... Dann schnippt er einmal mit den Fingern: Ja, genau. Der... Senatspräsident öffnet sie. Shelly: Und? Stockend ergänzt Holling: Und... äh... zählt sie aus... Shelly hilft ihm auf die Sprünge: Ist er dabei allein? Dankbar nimmt Holling den Faden auf, fast flüssig komplettiert er: Nein! Nein, er öffnet sie in Anwesenheit des Senats und des... Repräsentantenhauses... Shelly freut sich und fragt lachend (und langgezogen) nach dem Zeitpunkt der Auszählung: Aaaam? Holling braucht nicht lange nachzudenken: Sechsten Januar. Stolz funkeln seine Augen und auch Shelly ist zufrieden: Spitze! Doch Shelly gönnt Holling keine Pause Und was dann? Hollings Miene verfinstert sich: Was...?! Was dann??? Shelly salopp: Was passiert als nächstes? Holling grübelt irritiert, er kommt nicht drauf. Shelly assistiert, indem sie ihm die richtige Antwort langsam vorsagt: Der neue Präsident...? Und nun dämmert Holling, worauf Shelly hinaus will und beendet den Satz mühelos: ...wird am einundzwanzigsten des selben Monats vereidigt. Shelly hat die Ketchup-Flasche zur Seite gestellt. Sie lacht übers ganze Gesicht, klappt das Buch zu und erhebt sich beschwingt von ihrem Stuhl. Während sie den Wälzer zu Holling hinüberträgt, lobt sie ihn anerkennend: Den Stoff hast du intus. Sie setzt sich neben Holling auf die Bank und sagt mit einem aufmunternden Blick: Falsch, richtig oder verschiedene Möglichkeiten... egal, womit sie dich bombardieren, du wirst die Sache erstklassig hinkriegen. Holling lächelt schüchtern: Meinst du? Shelly rückt dicht an Holling heran und spricht ihm fröhlich Mut zu: Ich weiß es. Du wirst deine ganzen Stifte und deinen Drei-Punkte-Locher zurechtlegen und es denen beweisen. Holling senkt den Kopf und gluckst verlegen: Haha... Shelly knufft Holling freundschaftlich und fragt eifrig: Willst du 'ne kleine Pause? Schlagartig trübt sich Hollings gelöste Stimmung wieder ein. Skeptisch guckt er Shelly an, die ihm verführerisch eine Belohnung anbietet. Shelly: Ich könnte dir den Nacken massieren oder dir einen Milchkaffee machen oder so was... Holling zwingt sich zu einem gequälten Lächeln. Mit einem bedauernden Unterton versucht er Shelly abzuwimmeln: Danke, Shell. Aber wenn's dir nichts ausmacht, dann... dann mach' ich doch lieber noch weiter... Shelly zustimmend: Aber klar! Shelly merkt nicht, dass Holling viel lieber alleine weiterlernen würde. Sie greift sich das nächstbeste Schulbuch vom Tisch: Also... weiter... Während sich Holling ratlos an die Nase faßt, blättert Shelly in dem Lehrbuch und entdeckt prompt eine neue Aufgabe: Äh... hier... nehmen wir die Steuergeschichte durch. Shelly holt tief Luft und liest dann die ersten Zeile stockend vor. Holling hingegen fühlt sich durch Shellys forschen Aktionismus bedrängt. Nervös drehen seine Finger den Bleistift. Er preßt die Lippen aufeinander, starrt hilflos ins Leere und lauscht genervt Shellys entschlossener Stimme: Nach Paragraph 5 Absatz 13 der amerikanischen Bundesgesetze hat der Wirtschaftsminister die Befugnis... Was zu tun? Holling schweigt. Shelly hebt den Kopf und schaut Holling herausfordernd an. Doch Holling blickt stiert weiterhin abwesend vor sich hin... |
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Seattle, früher Morgen. Offensichtlich hat sich Joel von Detective McNamaras subtilen Einschüchterungen nicht nachhaltig entmutigen lassen und nimmt nun auf eigene Faust die Fahndung nach Marilyn auf. Seine Suche wird von The Coasters' "Searchin'" begleitet, ein Rhythm'n'Blues-Song mit übermütigen Klavier und Carl Gardners makanter Stimme. Auch Joel startet seine Streifzug an der Statue von Chief Seattle. Aber im Gegensatz zu Marilyn, die ihre Besichtigungstour bester Laune absolvierte, macht Joel einen verlorenen, bedrückten Eindruck. Die Sonne strahlt von einem makellosen Himmel, doch er scheint noch kalt zu sein, denn Joel hat sich graue Handschuhe übergezogen. Er trägt eine warme Fleece-Jacke über seinem offenen Mantel, außerdem eine dunkelrote Schirmmütze. Joel steht vor den mächtigen Betonstelzen einer vorbeirauschenden Monorail und sieht sich forschend um. Menschen flanieren über den Platz. Während Marilyn am Vortag vergnügt die bekanntesten Sehenswürdigkeiten abklapperte, streift Joel hingegen ziellos durch eher zwielichtige Nebenstraßen. Er spaziert am Davenport-Building vorbei. Vor dem Eingang dieses stilvollen, alten Apartmentkomplex halten sich etliche junge Leute auf. Fast schon antike Motorräder parken vor dem Bürgersteig. Ein Fahrradfahrer kommt Joel entgegen. Schließlich landet (auch) Joel vor dem "Public Market Center" in der Pike-Street. Einen Moment überlegt er, dort nach Marilyn die Augen aufzuhalten, entscheidet sich aber schließlich anders. Er dreht um und als er an einer Fußgängerampel wartet, rast ein roter PKW durch eine unglückselige Regenpfütze und spritzt Joel kräftig naß. Fluchend betrachtet er seine feuchte Hose, um dann anschließend sowohl anklagend als auch flehentlich gen Himmel zu schauen. Schließlich deutet Joel den unerquicklicher Guß als göttlichen Wink und kehrt wieder um. Aber schon an der nächsten Kreuzung fehlt ihm jede Inspiration, in welche Richtung er gehen soll. Hoffnungslos lehnt er sich bald an einer Straßenecke an eine Backsteinfassade. Nebelartige Dunstschleier ziehen vorüber. Langsam rutscht Joel an der Mauer zu Boden. Er hockt auf dem Trottoir und läßt den Kopf resigniert sinken, während Passanten eilig an ihm vorbeihasten... |
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Mittagszeit. Das Brick ist mäßig besucht. Dave (der Koch) fuhrwerkt fleißig im Hintergrund. Aus der Musikbox sorgt ein Country-Song für eine entspannte Stimmung. Nur Holling ist relativ aufgekratzt. Er hat inzwischen seine Highschool-Abschlußprüfung hinter sich gebracht und wartet nun auf das Ergebnis. Er sitzt auf einem Barhocker an der Theke und blättert hektisch in einem Lexikon. Shelly beobachtet ich dabei. Sie steht auf der anderen Seite der Bar und wienert geschäftig den Tresen. Während Holling in dem Nachschlagewerk nach der richtigen Seite fahndet, murmelt er gedankenverloren: Der neunzehnte Präsident...? Schließlich stoppt er an der gesuchten Stelle: Verdammt...! Ich hab geschrieben: Chester Arthur, - es war Hayes. Betrübt schaut er Shelly an: Jetzt hab ich schon mindestens zwei falsch. Shelly poliert weiter den Tresen, während sie versucht Holling auf andere Gedanken zu bringen: Ganz ruhig, Holling, jetzt kannst du sowieso nichts machen als warten. Holling hat seine Hände schicksalergeben auf der aufgeschlagenen Enzyklopädie abgelegt. Da er mit dem Rücken zur Eingangstür sitzt, bemerkt er nicht, dass Jane Harris in ihrer dynamischen Art das Lokal betritt. Sie trägt blaue Handschuhe, einen grünen Schal und eine lederne, dunkle Fliegerjacke. Außerdem hat sie eine graue Umhängetasche geschultert. Die Lehrerin nähert sich zügig ihrem ältesten Schüler. Shelly begrüßt sie freundlich: Hi, Miss Harris. Reflexartig wirft Holling einen kurzen Blick auf den eintretenden Gast. Als er seine Lehrerin entdeckt, verkrampft er schlagartig. Er wendet sich erschrocken zu Shelly und faßt sich aufgeregt mit der rechten Hand zum Mund. Eine hastige Geste, die unmißverständlich zum Ausdruck bringt, dass er lieber unsichtbar oder wenigstens an einem anderen Ort wäre. Hilfesuchend schaut er Shelly an. Unbeeindruckt erwidert Jane Harris den Gruß: Hi, Shelly. Und trotz Hollings eher abweisenden Verhaltens, begrüßt Jane auch ihn mit zwei knappen Silben: Holling. Holling dreht seinen Kopf kurz in ihre Richtung und antwortet beklommen: Ma'am Er ist extrem angespannt und starrt kleinmütig vor sich auf das aufgeklappte Lexikon. Er ahnt, dass es jetzt ernst wird, dass ihm nun sein Prüfungsergebnis mitgeteilt wird. Shelly greift ermutigend nach Hollings Händen. Jane Harris hingegen legt schwungvoll ihre Tasche auf den Tresen ab und versucht die Atmosphäre zu entschärfen: Wissen Sie, es gibt ein paar Dinge in meinem Job, die mag ich... Shelly und Holling beobachten Jane aufmerksam. Jane beginnt in ihrer Tasche zu kramen, während sie weiterplaudert: Das Überfliegen der Berge, die flexible Arbeitszeit und die Tatsache, dass ich nicht alles wieder ausfliegen muß, was ich mal eingeflogen habe... Schließlich zieht sie eine edle Ledermappe hervor und überreicht sie feierlich Holling: Das ist für Sie! Holling nimmt die Mappe entgegen und schlägt sie begeistert auf: O Mann... sieh mal, Shell! Jane freut sich und auch Shelly strahlt. Sie saust um die Theke und stellt sich hinter Holling, um das Dokument zu bestaunen. Langsam liest sie den Text die Urkunde laut vor: Hiermit wird bescheinigt, dass Holling Vincoeur alle notwendigen Leistungsnachweise für ein Highschoolabschluß im Staate Alaska erbracht hat. Die letzten Worte spricht Shelly fast lachend aus, während Holling stolz nickt. Und auch Jane ist gerührt. Shelly drückt anerkennend Hollings Schulter: Und es ist sogar vom Gouverneur persönlich unterschrieben! Hollings Anspannung ist mit einem Mal verflogen. Dankbar schaut er seine Lehrerin ins Gesicht. Jane Harris lächelt Holling freundlich an: Ich gratuliere. Holling hockt auf seinem Barhocker wie ein Geburtstagskind und schmunzelt selig. Vor lauter überbordenden Glücksgefühl weiß er kaum, wo er hingucken soll. Shelly ruft freudig: Du hast es geschafft! Sie zupft Holling behutsam die Mappe aus den Händen und sucht einen Platz hinter der Theke: Und wir werden es genau hier aufhängen... Shelly hält das Zeugnis provisorisch an das Wandregal zwischen ein paar Flaschen und Bierkrüge und verkündet munter: ...in einem protzigen Rahmen. Im Glas und allen drum und dran. So dass jeder hier auch weiß, dass ein Highschool-Absolvent der Boss in diesem Laden ist. Sie klappt die Mappe zu. Holling dreht sich zu Jane und reicht ihr die Hand: Vielen Dank für alles, Ma'am. Jane schultert ihre Tasche und schüttelt Holling freundschaftlich zum Abschied die Hand: War mir ein Vergnügen. Machen Sie es gut. Shelly lehnt am Tresen und sagt dankbar: Wiederseh'n, Miss Harris. Jane ist bereits auf dem Weg, das Lokal zu verlassen, als Holling sich zu Shelly dreht und gestenreich erzählt: Also, ich sag dir, Shelly... Ich hab mich nicht mehr so gefühlt, seit ich bei der Jagd in Nord-Kanada mit einem einzigen Pfeil ein Karibu erlegt habe... Shelly blickt noch einmal in die Mappe, die sie in den Händen hält und spinnt die Metapher vergnügt weiter: Der wilde Jäger hat wieder zugeschlagen... Hollings Augen funkeln stolz. Ein bißchen verlegen, aber überglücklich sieht er zu Shelly hoch. |
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| Jane hat inzwischen den Ausgang fast erreicht, als Maggie die Schwingtüren aufstößt und das Brick betritt. Die beiden "Schwestern" mustern sich kurz feindselig. Grußlos gehen sie aneinander vorbei. Doch bevor Jane das Lokal endgültig verläßt, springt Maggie doch noch über ihren Schatten. Couragiert dreht sie sich zu Jane um: Äh... Jane! Ohne sich umzusehen, bleibt Jane in der Tür stehen und wartet einen Moment argwöhnisch ab, was Maggie zu sagen hat. Distanziert wendet sie sich schließlich Maggie zu, die unsicher eine Verständigung einzuleiten versucht: Hör'n Sie,... i..ich möchte Ihnen sagen, i..ich finde auch jetzt noch, Sie haben Unrecht... Mit einer despektierlichen Handbewegung antwortet Jane genervt: Hatten wir das Gespräch nicht schon? Sie will Maggie gerade den Rücken kehren und kopfschüttelnd verschwinden, doch Maggie hält sie erneut auf: Neinneinnein... warten Sie! Maggie macht einen eher kleinlauten Eindruck, auch ihre Gebärdensprache drückt eine zaghafte Stimmung aus. Keinesfalls möchte sie Jane noch einmal provozieren. Ihr Tonfall ist einnehmend: Eigentlich wollte ich folgendes sagen... Ich finde auch, Sie haben Recht. Jane schaut Maggie streitsüchtig in die Augen und fragt mit energischer Stimme: In Bezug auf was? Maggie blickt Jane hingegen freundlich an: In Bezug auf Meinungen... dass man verschiedener Ansicht sein kann. Wortlos steht Jane da und hört Maggie nachdenklich zu. Maggie führt ihren Gedanken zu Ende: Ich meine, so blöd es, äh... zu glauben, dass Frauen nicht in der Lage wären, zuverlässige Killer zu sein,... Sie macht eine kurze Pause und fügt dann mit einem bedauernden Lächeln hinzu: ...es ist sogar noch blöder, zu glauben, dass wir alle den selben Standpunkt haben. Janes versteinerte, ernste Mimik entspannt sich zusehends. Aufrichtig bittet Maggie um Verzeihung: Ich entschuldige mich also. Janes Antwort klingt fast militärisch unterkühlt: Entschuldigung angenommen. Doch langsam zeichnet sich ein versöhnliches Schmunzeln auf ihrem Gesicht ab. Sie streckt Maggie freundschaftlich ihre Hand hingegen und sagt lachend: Wir seh'n uns dann an der Front. Obwohl sich die beiden Frauen nun die Hand schütteln, liegt immer noch eine eigenartige Zurückhaltung zwischen ihnen. Respekt, nicht Freundschaft, schwingt in diesem Handschlag mit. Jane bleibt in gewisser Weise unnahbar. Trotzdem lächelt Maggie erleichtert und sagt zum Abschied leise: Okay. |
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| Mittagszeit in Seattle. Joel hat sich offensichtlich wieder aufgerappelt und seine Suche nach Marilyn fortgesetzt. Er schlendert unschlüssig über eine Art Forum des "Woodland Park Zoos". Mehrere Holzhütten und Kioske säumen den gastlichen Ort, der von vergnügten Passanten besucht ist. Neben dem munteren Geplauder der Leute und fröhlichen Vogelgepiepse, begleiten elegische, jüdisch anmutende Klarinettenklänge Joels Suche. (Ein Song namens "A Funeral In My Brain" vom Northern-Exposure-Hauskomponisten David Schwartz, der auch den unverwechselbaren Titel-Theme arrangiert hat.) Der Zoo liegt in pittoresker, waldiger Lage. Der Himmel strahlt hinter den Baumwipfeln hervor und die Sonne wirft lange Schatten. Ein perfekter Tag, wenngleich die Sonne nicht zu wärmen scheint. Joel trägt außer Mantel, Fleece-Jacke und Handschuhen, (immer noch) seine Schirmmütze. Einige Besucher rasten, andere informieren sich an Schautafeln, befreien ihre Sprößlinge aus Kinderwagen oder bummeln über den Platz. Gutmütige Tierlaute sind im Hintergrund zu hören. Joel kämpft sich erschöpft ein paar Stufen hoch und bleibt hungrig vor einem Würstchenstand stehen. Müde begrüßt er den Verkäufer: Hi... Joel begutachtet das Angebot: Ich nehme ein Würstchen von denen da, bitte... Während sich der Wurstbrater wortlos mit einer Zange am Grill zu schaffen machen, schweift Joels Blick ratlos über den Platz. Er glaubt letztendlich wohl selbst nicht mehr daran, Marilyn wirklich noch zu finden. Unbeholfen wie ein flügellahmer Vogel läßt er mehrmals seine Arme schlapp gegen die Oberschenkel klatschen. Und dann schaut er direkt auf den Rücken einer molliger Frau, die auf einer Parkbank vor einem Freilandgehege verschnauft und zwei schwerfällige Elefanten beobachtet. Ihr schwarzes, langes Haar glänzt gepflegt. Joel wird plötzlich munter. Die Klarinettenmusik verstummt abrupt, als sich Joel stotternd an den Verkäufer wendet: Ähhhhähh... einen Moment... Er steigt zwei, drei Stufen hinab und nähert sich ungläubig der Frau: Ähmm... M...marilyn? Und tatsächlich: auf der Bank sitzt wirklich Marilyn und stopft sich gerade eine große Bockwurst am Stiel in den Mund, die sie aus einem Pappschälchen ißt. Sie trägt rote Handschuhe, ihre bunte Patchwork-Jacke und um ihrer Taille einen Gürtel, an dem eine kleine Pocketkamera befestigt ist. Neben ihr ist eine hellblaue Einkaufstasche deponiert. Joel jubeliert glückselig: Marilyn...? Ungerührt beißt sie ein Stück Wurst ab und kaut, während sie Joel aus den Augenwinkeln betrachtet, als er wäre er ein lästiges Insekt. Joel hingegen schnappt fast über vor Freude. Fröhlich lacht er sie an: Ä-hä... Er stellt sich freudestrahlend vor Marilyn, die gleichgültig ihre Wurst verspeist. Joel ruft begeistert: Sie sind es... Ja! Ich hab' Sie gefunden. Das ist kaum zu fassen! Joel rückt seine Schirmmütze ein wenig zurecht: Geht's Ihnen gut? Marilyn gibt zustimmende Laute von sich: Ähäh. Ihr Gesicht zeigt keinerlei emotionale Regung. Joels Euphorie verfliegt allmählich: Mann,... Nachdenklich rückt Joel ein paar Schritte von Marilyn ab. Am hölzernen Zaun des Geheges dreht er sich wieder ihr zu und erinnert sich voller Selbstmitleid an die letzten vierundzwanzig Stunden: ...i..ich hab' überall nach Ihnen gesucht... Die Elefanten sehen Joel über die Schulter. Marilyn tunkt ihre Wurst in Senf und hört sich Joels selbstgefälligen Monolog geduldig an. Joel anklagend: I..i..ich muß Ihnen sagen,... ähch,... diese letzten Tage, die waren mörderisch... Während Joel wieder auf Marilyn zugeht, zählt er theatralisch all ihre Versäumnisse auf, die ihn nach Seattle geführt haben: Äh... Si..Sie haben den Fahrer versetzt, Sie sind nicht ins Hotel gegangen,... Er schaut ihr ernst in die Augen: Ihretwegen bin ich Jahre gealtert. Marilyn erwidert kauend seinen Blick. Ihre gelangweilte Mimik drückt völliges Unverständnis aus. Offensichtlich versteht sie die ganze Aufregung nicht. Aber Joel beruhigt sich schon wieder. Schmunzelnd und mit einem stolzen Unterton wechselt er das Thema: Ich kann's nicht fassen, ich hab? Sie gefunden. Joel hat sich wieder direkt vor die Parkbank postiert und schaut freundlich lächelnd auf die sitzende Marilyn: Sie müssen doch überrascht sein, mich zu sehen...? Marilyn mustert ihre Wurst, während sie einen Augenblick über die Frage nachdenkt. Behäbig antwortet sie: Eigentlich nicht. Joel skeptisch: Eigentlich nicht, Marilyn? Marilyn blickt kurz auf, beschäftigt sich aber weiter mit ihrem Imbiß. Joel kann es nicht glauben, fast flehentlich kokettiert er: Ach, kommen Sie... Und da Marilyn nicht reagiert, nimmt sein Tonfall wieder diese fleischman'sche, oberlehrerhafte Selbstgefälligkeit an: Sie müssen sich doch wundern, wie um alles in der Welt ich Sie ohne jeglichen Anhaltspunkt Sie in so einer Stadt aufspüren konnte...? Marilyn wortkarg: Nein. Wohlwollend wiederholt Joel ihre Antwort: Nein...? Er kaufen Marilyn dies "Nein" nicht wirklich ab, denn er selbst kann den glückliches Zufall kaum fassen: Unter einer halben Million Menschen...? Er schüttelt ungläubig den Kopf und erklärt begeistert: Hmmm, nicht zu fassen, ich hab' Sie wirklich gefunden! Unglaublich... Plaudernd erzählt er Marilyn, wie er bei seine Fahndung nach ihr vorgegangen ist: Ich hat es beinahe aufgegeben, aber dann hat ich 'ne Eingebung. Die einzige Methode, Sie zu finden, war, so zu denken, wie Sie. Also überlegte ich, was würde Marilyn in Seattle tun, klar? Marilyn vertilgt schweigend ihre Wurst. Dabei starrt sie Joel mit einem aufmerksamen (aber irgendwie geringschätzigen) Blick an. Indes plappert sich Joel geradezu in einen Rausch: Ich habe Nähläden abgeklappert, das Center für indianische Kunst im Discovery-Park und... Er ballt siegreich die Fäuste: Volltreffer! Ich hab' mich an die Kraniche erinnert, an die Strauße... Joel breitet die lachend die Arme aus: Der Zoo!!! Das war doch völlig klar! Glückstrahlend deutet er auf Marilyn, als sei sie eine Jagdtrophäe: Und da sind Sie. Ich hatte Recht! Doch Marilyn relativiert mitleidlos Joels detektivisches Geschick: Ich wollte nur ein schönes Fleckchen, um Mittag zu essen. Warmherzig entgegnet Joel: Ja, egal. Essen,... was auch immer... Das wesentliche ist,... Er atmet tief durch. Aufrichtig und erleichtert findet er die richtigen Worte: Sie sind hier und es geht Ihnen gut. |
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| Endlich lächelt Marilyn ihn an und dieses Lächeln ermutigt Joel sich neben sie auf die Bank zu gesellen. Tatkräftig zupft er sich die Handschuhe von den Fingern und nimmt sich die Schirmmütze vom Kopf: Also gut,... Mit unternehmungslustiger Stimme versucht er, nicht Marilyns Aufmerksamkeit zu verlieren: ...uns bleibt noch der halbe Tag... Während Joel in seiner Manteltasche kramt, beobachtet Marilyn ihn kauend: Wir können ein paar Sehenswürdigkeiten abhaken. Joel zieht einen Stadtführer hervor und nestelt in die Innentasche seiner Fleece-Jacke nach seiner Lesebrille: Ich hab'... mir diesen Touristenführer besorgt und ein bißchen was angekreuzt, hmm? Mit der anderen Hand streicht er sich durchs Haar: Klingt das gut? Ohne einen ablehnende Antwort zu riskieren, spricht er ohne Atem zu holen weiter: In Ordnung. "A Funeral In My Brain" setzt wieder ein... - diesmal jedoch wesentlich beschwingter. Die Melodie vermittelt nun eine heitere, geradezu slapstickartige Atmosphäre. Marilyn grinst nachsichtig. Joel setzt sich die Brille auf und blättert eifrig im City-Guide. Während er ein Ausflugsziel vorschlägt, beugt sie sich tatsächlich ein wenig vor, um verstohlen in Joels Touristenführer zu schielen: Hmm, wir könnten... Wie wär's mit Pike Place Market? Als Joel aufsieht, nimmt Marilyn wieder ihre zurückgelehnte, desinteressierte Haltung an und erwidert bestimmt: Nein. Joel überfliegt die nächsten Seiten, dabei murmelt er zustimmend: Gut. Ja. Jaja,... klingt wie South-Street-Seapoint, nur ein bißchen touristischer... Er wägt eine Weile ab, was Marilyn wohl gefallen könnte und preist schließlich eine neue Sehenswürdigkeit an: In Ordnung. Der Japanische Garten. Wir sehen uns Felsen an, entspannen uns einfach, hä? Prüfend schaut er sie an. Nach einem angedeuteten Kopfschütteln, schnappt sich Marilyn schweigend ihre Tasche und richtet sich bedächtig auf. Joel interpretiert das gelassen: Nein, dazu haben Sie keine Lust... Das können Sie auch zu Hause machen. Marilyn entschließt sich zu einem gequälten: Mhmm. Joel sieht zu ihr hoch: Das sind Ihre Ferien... Verstehe... Marilyn spaziert einfach davon. Joel erhebt sich nun ebenfalls. Während er ihr folgt, schaut er aber weiter in seinen Führer: Also gut,... ähm... Mal seh'n... Nebeneinander gehen die beiden am Elefantengehege vorbei. Joel findet im Veranstaltungskalender einen weiteren Höhepunkt: Hey,... hier im Theater spielen sie... hä... Hedda Gabler. Was halten Sie von Ibsen? Marilyn einsilbig: Deprimierend. Joel antwortet näselnd: Ja,... da haben Sie Recht. Joel ratlos: Ich weiß nicht... Wir könnten ins Kino gehen. Marilyn: Nein. Joel: Nein? Er drückt Marilyn neckend und schlägt eine nicht ernstgemeinte Veranstaltung vor: Die Sonics spielen gegen die Lakers im Coliseum... Marilyn verächtlich: Äh-äh. Joel unermüdlich: Wir könnten uns das Burke-Museum ansehen, wenn Sie wollen? Marilyn: Nein. Geduldig plaudert Joel weiter: Warten Sie,... wie wär's damit...? Herbstlich muten die Sträucher und Bäume an, die den Pfad säumen. Marilyn und Joel passieren eine Mutter, die auf einer Parkbank mit ihren Kindern scherzt. Zwei junge Frauen kommen ihnen schwatzend entgegen. Die Kamera begleitet unsere beiden Cicelianern nicht mehr. Marilyn und Joel folgen dem Weg, biegen langsam ab und verschwinden schließlich hinter dichtem Buschwerk. Auch Joels Stimme verweht allmählich zu einem unverständlichen Geflüster... Die Klarinette hebt zu einer letzten Kapriole an. |
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Das DEUTSCHE SKRIPT dieser Folge "Verschollen im Dschungel der Großstadt" wurde exklusiv für die Internet-Initiative DOKTOR FLEISCHMAN SOLL WIEDER ERYTHROZYTEN ZAeHLEN von Volker Herrmann, D-Meppen verfaßt. Die Dialoge und Handlungsstränge wurden dafür aus einer Videoaufzeichnung protokolliert. Alle Rechte vorbehalten. Nur zum privaten Gebrauch. Veröffentlichungen, auch einzelne Teile, nur nach Rücksprache: eMail: mail2cicely@web.de |
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