Winter in Alaska. Trompetenklänge, Bongotrommeln & Klarinetten begleiten Aufnahmen von verschneiten Landschaften, über die die Kamera hinwegstreift. Auch in Cicely herrscht an diesem Morgen winterliche Idylle. Die Häuser und Straßen sind malerisch eingeschneit, die Sonne scheint von einem wolkenlosen Himmel. Joels blauer Pick-Up biegt auf die Hauptstraße und bleibt vor der Praxis stehen. Ein Hund huscht über die sonst verwaisten Fahrbahn. An den Bürgersteigen sind große Schneemassen aufgehäuft und mitten auf der Straße steht völlig deplaziert eine circa vier Meter hohe Holzleiter. Joel steigt aus seinem Wagen und während er langsam ins Gebäude schlendert, dreht er sich immer wieder verwundert um und mustert die Leiter. Er betritt seine Praxis, in der Marilyn bereits auf ihrem angestammten Platz am Schreibtisch sitzt, (natürlich) nicht aufsieht, als Joel hereinspaziert und strickt.

Joel lächelt fröhlich, er ist in bester Stimmung. Er trägt eine warme Mütze (mit Ohrenschützern) und zieht sich beim Eintreten den Mantel aus. Fast aufgeregt (leicht stotternd) berichtet er der gleichgültig handarbeitenden Sprechstundenhilfe seine Entdeckung:
Hey! Hören Sie... Marilyn... mittlerweile dürfte mich hier oben nichts mehr überraschen, aber sieht fast so aus, als hätte jemand seine Leiter stehen lassen, mitten auf der Straße. Eine von den richtig großen, so vier Meter hoch ungefähr...

Marilyn strickt ungerührt weiter. Joel hängt Mantel und Mütze an den Garderobenständer, an dem schon Marilyns bunte Jacke hängt. Während er sich einen Kaffee einschenkt, spricht er weiter und gestikuliert nach draußen:
Sie steht... da einfach 'rum. Mitten auf der Straße. Ich meine wozu...? Wo...

Er lacht kurz auf:
Wo... wo sollte man damit bloß reinkommen wollen? Hehehe...
Nicht dass sie ein Verkehrgefährdung darstellen würde. Ich meine für welchen Verkehr, hä?

Marilyn strickt, als wäre sie taub. Joel schaut ihr über die Schulter und resigniert leicht. Sie macht keinerlei Andeutungen auf sein freundliches Geschwafel einzugehen. Er wendet sich mit Kaffeetasse und einem Mundspartel, den er zum Umrühren mißbraucht, ab:
In Ordnung. Also ich bin in meinem Büro, für den Fall, dass sich ein Patient entschließen sollte, unsere Tür zu verdunkeln.

Joel ist schon fast in seinem Sprechzimmer verschwunden, als Marilyn doch noch den Mund zum Sprechen öffnet:
Ich werde in Urlaub gehen.

Joel glaubt, er hätte sich verhört:
Sie werden was?!

Marilyn strickt weiter, dreht ihren Kopf kurz in Joels Richtung, während sie kryptisch hinzufügt:
Mein Scheck ist eingetroffen.

Joel kehrt nachdenklich, fast besorgt an Marilyns Schreibtisch zurück und schaut sie forschend an.:
Wovon reden Sie da?
Was für ein Scheck?

Marilyn:
Von unserer Gesellschaft.

Joel neugierig:
Ähm... Sie haben eine Gesellschaft?

Marilyn schaut zu Joel hoch und antwortet knapp:
Indianer.

Während Joel nachhakt, tastet Marilyn nach dem Scheck.
Joel:
Ähm... Die Indianer haben eine Gesellschaft?

Marilyn reicht ihm als Antwort den Scheck.
Joel ist perplex. Verblüfft ruft er:
Fünf...öööhh... fünftausend Dollar???

Joel starrt Marilyn ungläubig an.

Marilyn bestätigend:
Ä-hmm.

Joel stottert verdutzt:
A-a-a... aber, wie... wie... ich meine, woher stammt denn das?

Marilyn leidenschaftslos:
Aus verschiedenen Dingen: Öl, Nutzwald, Investmentfonds...

Joel neugierig:
Wie oft kriegen Sie die?

Marilyn strickt weiter:
Alle sechs Monate.

Joel fassungslos:
Zwei Mal pro Jahr???
Zwei Mal pro Jahr kriegen Sie einen Scheck über fünftausend Dollar???

Marilyn gleichgültig:
Manchmal weniger. Der Investmentfond hat dies Mal gut abgeschnitten.

Joel betrachtet noch ein Mal kopfschüttelnd den Scheck und kann es immer noch nicht glauben:
Für fünftausend Dollar...

Marilyn fügt - für ihre Verhältnisse geradezu fröhlich - den Verwendungszweck hinzu und schaut dabei Joel prüfend ins Gesicht:
Ich fliege nach Seattle.

Joel entgeistert:
Was???

Marilyn strickt seelenruhig weiter:
Das Tor zu Alaska. Ich möchte ein Abenteuer...

Sie schaut Joel triumphierend an. Der Gipfel der Verblüffung ist erreicht. Joel sackt sprachlos in sich zusammen. Er kann sich Marilyn alleine in einer Großstadt nicht vorstellen...


Früher Morgen. Auch vorm Brick liegt Schnee. Über Cicelys beliebten Bar, in der kleinen Wohnung von Shelly & Holling wühlt Shelly verzweifelt im Schlafzimmer unterm Bett. Auf der Suche nach ihren Leggings zieht sie einen Stoffelefanten und anderen Krimskrams ans Tageslicht und bittet dabei Holling um Hilfe. Holling rasiert sich allerdings momentan im Badezimmer...

Shelly flehentlich:
Holling...? Holling, - hast du meine Leggings gesehen?

Sie kniet vorm Bett und um besser suchen zu können, hebt sie die bunte Überdecke an, die fast bis zum Fußboden reicht.
Shelly (ein wenig außer Atem):
Weißt Du, die oben pinkfarbend sind. Mit den grünen und weißen Streifen. Ich hatte sie mir letztes Jahr gekauft...

Holling antwortet nicht und deshalb ruft sie jetzt ein wenig quengelnd seinen Namen:
Holling!

Shelly fischt gerade verwundert eine Art Stoffrucksack unterm Bett hervor, als Holling aus dem Badezimmer tritt:
T'schuldigung, Shell, - ich habe bei dem laufenden Wasser nichts verstanden.

Während sich Holling mit einem Handtuch die Reste vom Rasierschaum vom Gesicht reibt, läßt sich Shelly aufs Bett plumpsen. Sie hat den Rucksack auf dem Schoß und inspiziert neugierig den Inhalt.
Holling geht auf sie zu und fragt unbedarft:
Was vermißt du?

Shelly kramt im Rucksack und zieht ein Buch hervor. Sie hat die Leggings längst vergessen.
Shelly:
Guck' doch mal, was unterm Bett lag... Die Schulsachen von irgend so einem... Kind.

Holling kleinlaut:
Oh...

Shelly blättert verwirrt in dem Buch:
Wem gehören die? Wie kommen die in unser Schlafzimmer?

Holling reibt sich verlegen das Gesicht:
Tja...

Noch bevor Holling sich erklären kann, schlägt Shelly das Buch zu. Sie erinnert sich und vermutet:
Walt Beauchamp war letze Woche hier, als er die Fallrohre gereinigt hat. Der kleine Walt war bei ihm, aber wieso schiebt er seine Bücher unter unser Bett?

Sie stöbert weiter im Rucksack und fragt sich leise:
Und langsam müßte er sie doch vermissen...

Shelly dreht sich sogleich zum Telefon, das auf dem Nachtschränkchen in ihrer Reichweite steht. Entschlossen verkündet sie:
Ich werde ihn lieber mal anrufen...

Und schon hat Shelly den Hörer in der Hand und ist im Begriff Walt Beauchamps Nummer zu wählen. Holling setzt sich betreten neben Shelly aufs Bett:
Shelly...?

Shelly legt sich abwesend den Hörer ans Ohr:
Ja, Babe?

Holling beichtet:
Die Sachen gehören mir.

Shelly schaut Holling überrascht an:
Die gehören dir?

Holling:
Ganz recht... Ich dachte, es wäre langsam Zeit für den Schulabschluß... der Highschool.

Shelly legt den Hörer zurück auf die Gabel:
Wow...

Sie blickt Holling fragend ins Gesicht. Einen Moment schweigen beide. Ein Teil von Hollings linken Wange ist noch weiß vom Rasierschaum.
Shelly:
Ich hätte gedacht, ein Kerl, der so alt ist wie du, hätte die Highschool schon Ewigkeiten hinter sich.

Holling wirft sich das Handtuch über die Schulter:
Das hätte ich auch, aber... ähmm... Die Sache ist die... ähmm... im Sommer 43 bekam ein Kumpel von mir, Lou Geistert, und ich die Superchance, die Eisenbahnschwellen außerhalb von Dost zu verlegen...

Erklärend fügt er hinzu:
...für einen Spitzenlohn.

Shelly nachdenklich:
Du hast die Schule also nie abgeschlossen?

Holling unsicher:
Die Sache ist die... ähh, also... Du verdienst das Beste, Shell, vor allen Dingen das beste. Und das Beste bedeutet auch ein Mann mit abgeschlossener Ausbildung an der Highschool.

Holling setzt sich näher zu Shelly. Liebevoll ergänzt er:
Ich hatte vor, dich zu überraschen, wenn ich dann tatsächlich meinen Abschluß habe.

Shelly ist gerührt. Sie lächelt Holling an, greift nach dem Handtuch, das noch immer über seiner Schulter hängt und tupft ihm den Rasierschaum von der Wange:
Und du stützt dich nach so vielen Jahren wieder auf die Schulbücher?...Nur für mich?

Holling atmet verlegen aus:
Hmm.

Shelly legt zärtlich beide Hände an sein Gesicht und küßt ihn auf die Stirn:
Das ist ja soo cool...

Entschlossen erhebt sich Shelly vom Bett und sucht weiter nach den Leggings. Zu Holling sagt sie aufmunternd:
Und du wirst es auch schaffen, Holling!

Sie macht sich an einer Kommode zu schaffen, öffnet die oberste Schublade, aus der verschiedene blaue Stoffteile herausquellen:
...weil du nicht so ein Doofmann bist, wie Randy Tater.

Holling sitzt noch auf dem Bett und beobachtet Shelly, wie sie in der Schublade wühlt. Irritiert fragt er:
Wer?

Während Shelly weiter die Kommode auf den Kopf stellt, berichtet sie Holling vom Schicksal ihres ehemaligen Schulkameraden:
Randy Tater. Er ist vor dem Ende der elften Klasse von der Highschool abgegangen. Er war so groß wie Harald Kobe, bloß noch größer. Er hatte sich entschlossen in den Süden zu gehen, um Football zu spielen. Vielleicht hätte er das auch geschafft, aber dann hat er sich auf einer Party volllaufen lassen und ist vor der Veranda gefallen...
Ein völlig zertrümmertes Knie! Kein Highschool-Abschluß, kein Football, - jetzt packt er Einkaufstüten im Supermarkt ein. Und die einzige Uniform, die er trägt, ist eine Schütze vorm Bauch und eine kleine Fliege.


Nachdenklich hört sich Holling Shellys Geschichte an. Shelly hat tatsächlich inzwischen ihre Leggings unter einem Haufen Klamotten gefunden und setzt sich mit dem Teil zu Holling aufs Bett. Sie legt ihm eine Hand auf die Schulter und sagt:
Schatz, wie der neue Prince schon sagt: Bleib' in der Schule, sei kein Narr!


Die scheußlich süße Percy-Faith-Adaption des
"Theme From A Summer Place" dudelt erbarmungslos aus Marilyns Küchenradio. Dieser (weltberühmte) instrumentale Easy-Listening-Song wird die musikalische Untermalung der gesamten folgenden Szene bilden.
Marilyn ist gerade damit beschäftigt, ihre frisch gewaschene Wäsche aus dem Trockner zu holen, als es mehrmals an der Tür klopft.

Marilyn knapp:
Herein!

Joel öffnet die Tür und tritt vorsichtig in Marilyns Domizil:
Hallo Marilyn!

Marilyn geht unbeeindruckt ihrer Hausarbeit nach, sie sieht nicht einmal auf, als Joel hereinkommt.
Hi!

Joel lächelt freundlich. Er trägt wieder die warme Mütze und seinen Mantel. Die große Seitentaschen seines Parkas sind total ausgebeult, weil Joel Schal und Handschuhen dort hineingestopft hat. Außerdem hält er eine braune, zerknüllte Papiertüte fest umklammert in der rechten Hand. Unsicher steht er nun in Marilyns Wohnküche:
Wie geht's?

Marilyn fuhrwerkt geschäftig weiter:
Gut.

Auf Marilyns Küchentisch stapeln sich verschiedene Kleidungsstücke, sie ist offensichtlich dabei, für ihr "Abenteuer" zu packen.
Während Joel auf Marilyn zugeht, nimmt er sich die Mütze vom Kopf...
Joel:
Ähmm... Ich hab Ihnen ein paar Dinge für die Reise mitgebracht.

Die beiden stehen sich jetzt an der Spüle gegenüber. Marilyn mustert Joel skeptisch.
Joel:
Sehen Sie, obwohl ich nie viel Geld hatte, bin ich doch ganz schön rumgekommen. Und... äh... ich hab mir gedacht, Sie könnten von meiner Erfahrung profitieren.

Während Joel seinen Monolog fortsetzt, dreht er sich zum Küchentisch, hängt seinen Mantel über die Lehne eines Stuhls:
Es gibt gewisse Dinge, die Sie unmöglich wissen können, sofern sie nicht Ihnen jemand erklärt...

Marilyn folgt ihm mit einem Stoß gefalteter Kleider. Sie macht keinen besonders interessierten Eindruck. Mit Blick auf die zusammengesammelte Ausrüstung, die auf schon dem Tisch liegen, bemerkt Joel beiläufig:
Sie haben schon gepackt, hä?

Marilyn antwortet nicht, wovon Joel sich allerdings nicht beirren läßt. Er setzt sich unternehmungslustig an den Küchentisch und plaziert die mitgebrachte Papiertüte vor sich:
Okay...

Joel streicht sich durch die Haare und packt nun nach und nach den Inhalt der Tüte aus:
Das hier ist ein Kissen für den Nacken. Unglaublich, was?
Für das Flugzeug... okay?
Es ist aufblasbar und stützt sie im Nacken, so dass sie auch in aufrechter Position schlafen können...

Joel schaut Marilyn erwartungsvoll an. Doch sie faltet teilnahmslos Kleidungsstücke, schaut ihn bestenfalls eine kurzen Moment argwöhnisch an. Joel beharrlich:
Okay... Ähm... Ahh... Hier hab ich ein paar Kaugummis. Die werden Ihren Druck in Ihrem Innenohr aufheben, okay?
Das ist ein Knacken, dass... Sie spüren... beim Starten und beim Landen. Das ist eine gute Sache...

Joel preist sein Kaugummipäckchen an, wie ein Vertreter. Er lächelt Marilyn dabei freundlich an. Marilyn bleibt hingegen unbeteiligt und stumm. Joel kramt derweil ein weißen Riemen aus dem Beutel:
Na gut... Also, das ist wirklich wichtig. Das ist ein Gürtel für Geld... Alles klar?

Während immer noch diese unerträgliche, synthetische Musik im Hintergrund jault, blickt Joel prüfend in Marilyns Richtung und zieht geräuschvoll am Reißverschluß des Gürtels:
Also, Sie müssen Ihre Reiseschecks hier reinstecken. Na ja, auf diese Weise sind Sie nicht Ihr ganzes Geld los, falls Ihnen die Handtasche geklaut würde, was Gott verhüten möge... Okay?

Joel wickelt den Gürtel zu einer Rolle, stutzt einen Moment und fragt schließlich:
Ähm... Sie haben sich doch Reiseschecks besorgt?

Marilyn knapp:
Nein.

Joels Stimme wechselt wieder eine Oktav höher:
Ä..ääh.. da gibt es Straßenräuber, versteh'n Sie...? Die wittern es, wenn Sie Bargeld bei sich haben.

Joel gestikuliert und spricht nun auf Marilyn ein, als wäre sie ein Kleinkind:
Das stimmt! Die haben so was, wie eine Antenne dafür! Alles klar?!
Bei Reiseschecks ersetzt man Ihnen den Verlust...


Joel starrt Marilyn angespannt an. Marilyn hingegen wirtschaftet gleichgültig weiter und antwortet mit ihrem üblichen phlegmatischen Temperament:
Ich möchte ein Abenteuer.

Joel nachsichtig:
Ja, das weiß ich... Sie haben es sich auch verdient, aber... äh.. äh.. es sollte lieber ungefährlich sein, damit sie es genießen können... Finden Sie nicht?!
Ich meine, eine Großstadt nur zu besuchen, ist schon ein Abenteuer... Und, und... zugegeben, ich weiß: Seattle ist nicht New York,... ich meine, ich würd' sie gar nicht alleine nach New York fliegen lassen, ganz bestimmt nicht,...


Marilyn blickt Joel strafend an.
Joel:
...aber trotzdem, diesen urbanen Problemen und Gefahren begegnet man überall. Ich meine, selbst ich... ich meine, ich bin in der Stadt geboren. Und aufgewachsen. Und selbst ich bin dagegen wehrlos...

Marilyn faltet unbeeindruckt Kleidungsstücke und verstaut sie in eine Art Koffer...
Joel:
Ähm... einmal spaziere ich den Riverside-Drive entlang. Es ist etwa zehn Uhr abends. Und.. und zwei so 'ne Kerle kommen auf der anderen Straßenseite auf mich zu. Also, sie überqueren die Straße und... mein Radar hätte ausschlagen müssen... aber... Na ja, wer ahnt das? Ich... ich dachte wohl gerade über eine Ausstellung im Met nach und...


Marilyn verschwindet ungerührt in einem Nebenzimmer. Joel springt von seinem Stuhl auf und folgt ihr:
Na ja... Sie hatten eine Schraubenzieher und als ich wieder klar denken konnte, hatten sie meine Brieftasche und... und meine Uhr... Ich will sie damit keineswegs beunruhigen...

Marilyn kehrt nach kurzer Zeit wieder zurück in die Wohnküche, während Joel unaufhaltsam auf sie ein plappert:
Sie werden eine sehr schöne Zeit verleben. Das werden Sie ganz sicher, wenn Sie nur ein paar einfache Regeln befolgen...

Joel hat sich schulmeisterlich vor Marilyn postiert und hebt den Zeigefinger:
Die erste lautet... ähh... Nummer eins: Blicken Sie niemanden in die Augen.

Marilyn blickt Joel eindringlich in die Augen.
Joel:
Genau so. Lassen Sie's...!

Joel breitet bedauern die Arme aus:
Das ist eine Herausforderung, ich weiß nicht. Es ist so was Urzeitliches. Viele von diesen Stadtbewohner existieren auf einer ziemlich... rudimentären und ursprünglichen Ebene... Okay? Und sehen...

Marilyn hat begonnen allerhand Kleinkram in ihre Handtasche zu packen. Joel beobachtet sie dabei aufmerksam. Er schnappt sich die Tasche:
Verzeihung... Wenn Sie unbedingt eine Handtasche mitnehmen wollen, wickeln sie den Riemen ums Handgelenk, etwa so...

Joel demonstriert Marilyn, wie sie die Handtasche in Seattle tragen soll:
Tragen Sie sie eng am Körper! Okay?

Marilyn schaut kaum hin:
Okay.

Joel reicht ihr die Tasche zurück:
Hier...

Ein bißchen verlegen fährt Joel fort:
Äh... ach... Ich habe arrangiert, dass am Flughafen ein Wagen auf Sie wartet...

Er freut sich, stolz lacht er kurz auf:
Jaaa,... und ich hab ein Zimmer in einem sehr schönen und... äh... preislich vernünftigen und zentral gelegenen Hotel... gebucht... ähm...

Joel kramt einen Zettel hervor:
Portiersfrau ist eine Miss Schroeder.

Marilyn nimmt die Notiz en passant entgegen, faltet ihn und stopft ihn langsam in ihre Handtasche. Joel steht nun vor Marilyn, wie ein Geburtstagskind:
Ähm,.. also ich denke, das war's.

Ein wenig schüchtern bittet er:
Mmm, noch etwas: rufen Sie mich doch an, wenn Sie angekommen sind, ja?

Marilyn schaut genervt zu Joel hoch. Während sie weiterpackt, druckst Joel:
Sie sollen sich nicht bedanken, ich... ich finde als Ihr... Arbeitgeber wäre es nachlässig von mir, wenn mir Ihr Wohlergehen nicht am Herzen liege... Ähh.. okay?
Versprechen Sie mir nur, dass Sie meinem Rat folgen werden...


Marilyn:
Ich möchte ein Abenteuer.

Mit diesem Satz wendet sie sich ab. Joel schaut ihr besorgt nach und kaut bekümmert auf seiner Lippe.



Cicelys Gemeindehaus ist ebenfalls pittoresk eingeschneit. Tagsüber wird als es als eine Art Gesamtschule genutzt. Diszipliniert stehen fünfzehn Schülerinnen und Schüler vor ihren altmodischen Pulten und leisten mit der rechten Hand auf dem Herzen feierlich den traditionellen
Treueschwur. Auch Holling steht in der letzten Reihe. (Die Mädchen und Jungen verteilen sich größtenteils nach Alter im Klassenzimmer, d.h. die Jüngsten sitzen in den ersten Bänken.) Holling ist mit seinen 63 Jahren natürlich mit Abstand der älteste Schüler. Seine Klassenkameraden sind zwischen sieben und sechzehn Jahre alt.
Hollings Stimme dominiert das gemeinsam gesprochene Gelöbnis:
Ich gelobe Treue der Fahne der Vereinigten Staaten von Amerika und der Republik, für die sie steht, eine Nation unter Gott, unteilbar, mit Freiheit und Gleichheit für alle...

Nach dem Treueschwur setzten sich die Schüler.
Der Klassenraum ist dürftig eingerichtet. Neben einem Schreibtisch (auf dem etliche Bücher und Mappen liegen), stehen der Lehrerin
Jane Harris eine mobile Tafel und eine Landkarte von Alaska zur Verfügung. Die unvermeidliche amerikanische Flagge befindet sich in der Ecke.
Holling trägt eines seiner verwaschenen Holzfällerhemden. Aus seiner Brusttasche gucken die Kappen einiger Stifte, die durch eine (etwas alberne) Vorrichtung ordentlich zusammengehalten werden. Mit diesem komischen Ding macht er einen eher streberhaften Eindruck. Er ist angespannt und aufmerksam.
Jane Harris ist Anfang vierzig. Sie trägt eine braune Strickjacke, ihre roten Haare hat sie zu einem Zopf geflochten. Sie präsentiert sich selbstbewußt und wird von den Schülern respektiert.

Jane Harris beginnt gut gelaunt den Unterricht:
Okay, also... ich habe die Hausaufgaben benotet, die ihr letzte Woche abgegeben habt und alle haben es sehr gut gemacht.

Sie verteilt nun die Schularbeiten, wobei sie manchem Schüler auf Schwächen oder Fortschritte hinweist:
Anne, die Vergangenheitsform von "liegen" ist "lag" "L" - "A" - "G". Okay...

Ein Teenager flüstert sanft zu einem hinter ihm sitzenden Schulkameraden (allerdings ohne, dass die Kamera einfängt, um was es eigentlich geht...):
Das ist schön... Gehört das dir?

Er wird jedoch just von der Lehrerin unterbrochen, die nun an sein Pult angekommen ist und ihm freundlich seine Hausaufgabe aushändigt:
Deine Schrift hat sich schon sehr verbessert, nur weiter so, okay?

Nun ist Holling an der Reihe. Jane Harris ist ein wenig verlegen, schaut hin und wieder befangen zu anderen Schülern. Sie redet leise mit ihrem außergewöhnlichsten Schüler:
Holling, Sie beginnen immer noch zu viele Sätze mit Partizipien, außerdem verwenden Sie das Passiv zu häufig. Und hier Semikolon und Komma sind nicht austauschbar...

Holling hört seiner Lehrerin aufmerksam zu. Auch ihm ist die Situation unangenehm:
Ja, Ma'am, Miss Harris.

Jane Harris:
Wenn Sie nach dem Unterricht noch hier bleiben, helfe ich Ihnen bei der Interpunktion.

Holling:
Ja, Ma'am.

Beschämt guckt er, ob sich Mitschüler über ihn lustig machen, doch die Klasse ist tolerant. Im Vorbeigehen drückt Jane Harris Holling ermutigend die Schulter und geht zur Tagesordnung über. Mit fester Stimme:
Gut. So, eh' ich's vergesse...

Sie geht langsam zur Tafel. Mit verschränkten Armen diktiert sie nächste Übung:
Ich möchte, dass die Zehn- bis Zwölfklässler für morgen einen Aufsatz schreiben und das Thema soll lauten: "Das Aufregendste, das ich im letzten Sommer erlebt habe". Okay? Nicht weniger als zwei Seiten. Und zusätzlich zu den neuen Vokabeln möchte ich noch zwei Gleichnisse und zwei Metaphern sehen...

Während sie weiterspricht, greift sie nach einem Stück Kreide:
In Ordnung. Jetzt machen wir weiter mit Mathematik. Wir beginnen mit dem Multiplizieren, dann kommt das Dividieren und danach arbeiten wir mit Dezimalzahlen.

Die meisten Schüler schlagen Hefte auf und nehmen ihr Schreibzeug zur Hand. Jane Harris zeigt auf die Tafel:
Wir fangen an mit 84 mal 37. Was ist das Produkt?

Kaum hat Jane Harris die Rechenaufgabe ausgesprochen, zeigt Holling schon auf:
Holling?

Holling steht brav von seinem Platz auf und während seine Mitschüler gerade versuchen die Aufgabe schriftlich zu lösen, fummelt er ein wenig an seinen Fingern herum:
Äh... Dreitausend...einhundertacht.

Die Klassenkameraden staunen. Und auch die Lehrerin ist überrascht. Nachdenklich wiederholt sie:
Dreitausendeinhundertacht... Das stimmt genau! Ähm...

Sie kommt auf Holling zu und lächelt freundlich. Sie reibt demonstrativ an ihren Finger und fragt:
Wa... wa... was ist das?

Holling stolz:
Auf diese Weise rechne ich, Ma'am.

Jane Harris:
Mit Ihren Fingern?

Holling:
Als ich ein kleiner Junge war, da kam ein Arzneimittelverkäufer in die Stadt. Der hat's mir beigebracht.

Jane Harris:
Wirklich? Ich habe...

Holling:
Das gute daran ist, man kann sie nie verlieren.

Ein Junge neben ihm stellt ihn auf die Probe:
234 mal 511?

Holling knetet wieder konzentriert an seinen Fingern:
Nun das macht...: einhundertneunzehntausend... fünfhundertvierundsiebzig.

Alle sind beeindruckt. Die Lippen eines kleinen Mädchens formen ein stummes "Wow".
Jane Harris:
Das ist erstaunlich... Ich... ich habe... Wirklich... ich habe etwas derartiges noch nie erlebt.

Holling freut sich:
O Danke, Ma'am.

Doch die Freude währt nicht lange. Bedauernd bemerkt die Lehrerin:
Gerne gescheh'n. Es ist nur so, die Abschlußprüfungen werden alle in schriftlicher Form durchgeführt.

Holling betrübt:
Oh...

Holling setzt sich entmutigt. Jane Harris kehrt zur Tafel zurück. Sie macht für kurze Zeit einen traurigen Eindruck, Hollings Zuversicht und Eifer haben sie gerührt und sie bedauert, dass sie seine Rechenkünste in dieser Form nicht akzeptieren kann:
Okay, machen wir weiter!
273 mal 431. Das Produkt? Weiß es einer...?

Holling sieht einen Moment gedankenverloren zur Tafel, bemüht sich dann aber die Aufgabe schriftlich zu lösen.





Es ist früher Mittag als Marilyns Flugzeug - zu der überschnappenden Trompeten- und Klarinettenmusik der Eröffnungssequenz - in
Seattle landet.
Auch am Seattle-Tacoma International Airport scheint es kalt zu sein, Schnee liegt allerdings nicht. Die Menschen hasten in Winterbekleidung aus dem Foyer des Flughafens auf die Straße. Marilyn schlendert hingegen gemütlich durch die elektrische Schiebetür und läßt einen Moment den Trubel auf dem Bürgersteig auf sich wirken. Rucksacktouristen, Pärchen und Geschäftsleute unterhalten sich oder winken nach Taxis. Im Hintergrund, keine fünfzehn Meter von Marilyn entfernt, wartet ein vertrauenerweckender Fahrer in dunklen Anzug vor seinem Wagen. Nachdem er einem vorübergehenden Raucher mit Feuer aushalf, schaut er sich suchend um und hält dezent, aber gut sichtbar, ein Pappschild mit Marilyns Nachnamen ("Whirlwind") den Reisenden entgegen. Marilyn entdeckt mit versteinerter Miene den Fahrer und zottelt mit ihrem bunten Gepäck langsam auf ihn zu. Doch sie spricht den Chauffeur nicht an, sondern spaziert bedächtig an ihm vorbei. Während Passanten Koffer in anderer Fahrzeuge verfrachten und Marilyn allmählich aus dem Bild trottet, verharrt der Fahrer auf seinem Posten. So wie er dort mit dem Schild steht und sich nach seinem Fahrgast umsieht, wirkt er ein wenig verloren.




Indes hat Joel in seiner Praxis vorm Telefon Stellung bezogen und macht sich Sorgen. Melancholische Klarinetten unterstreichen seine Stimmung. Er sitzt gedankenverloren vor einem aufgeschlagenen Magazin und trommelt mit den Fingern der linken Hand nervös auf der Schreibtischplatte als Maggies muntere Stimme durchs Empfangszimmer in sein Büro dringt.

Maggie:
Hallo! Fleischman, sind Sie da?
Hey, Fleischman...

Man hört sie suchend durch die Praxis stolpern. Als Maggie Joel endlich findet und durch die Tür seines Sprechzimmers tritt, sitzt er immer noch lethargisch da, schaut aber kurz auf.

Maggie freundlich:
Hey, Fleischman!

Maggie ist mit zwei schweren Kartons beladen, die sie nun auf einen Stuhl deponiert. Sie ist ein wenig außer Atem:
Ich hätt' gern Ihre Unterschrift für Ihre Spritzen und so weiter.

Joel kleinmütig:
In Ordnung.

Maggie reicht ihm ein Klemmboard mit dem Lieferschein zur Unterschrift hin und fragt:
Uff... Haben Sie die neue Lehrerin gesehen...? Jane?

Joel verdattert:
Ähh... nein.

Joel unterschreibt schnell. Er schaut auf seine Armbanduhr und überhört Maggies bissigen Affront geradezu:
Nicht, dass sie Ihr Typ wäre...
Sie hat Versorgungsflüge in "Desert Storm" geflogen. Außerdem ist sie gescheit und hübsch. Also genau die Sorte Frau, die Sie verlegen machen würde.


Die Provokation schlägt fehl. Joel stößt nur geistesabwesend ein paar Interjektionen aus:
Oh,... na ja... Schön für die Frau.

Maggie wird langsam skeptisch. Während sie an einem Karton fuhrwerkt, um einen weitere Versandbestätigung hervorzuzaubern, hakt sie schnippisch nach:
Was ist mit Ihnen los, Fleischman?
Sie scheinen mißmutig und sauer zu sein... Was ist passiert? 'Nen Golfball verloren???

Joel bekümmert:
Wenn Sie es unbedingt wissen wollen: es geht um Marilyn.

Maggie überrascht:
Marilyn???

Joel patzig:
Sie ist weg.

Maggie überlegt einen Moment. Sie steht vor dem Schreibtisch, hinter dem Joel wie ein Häuflein Elend hockt:
Sie ist in Seattle. Oder?

Joel:
Angeblich. Aber der Fahrer hat gesagt, sie sei nicht aufgetaucht.

Maggie irritiert:
Fahrer? Was für'n Fahrer?

Joel gereizt:
Den ich engagiert hatte, um sie abzuholen.

Maggie lakonisch:
Wozu die Aufregung?

Maggie macht sich Notizen auf den Lieferschein.
Joel ist empört:
Wozu die Aufregung?!
Das ist eine Frau, die sich noch nie weiter als dreihundert Kilometer von Cicely, Alaska entfernt hat.


Maggie schaut Joel mitleidig an, während er seinen Monolog fortsetzt:
Sie steigt in ein Flugzeug, sie fliegt allein in eine bedeutende Metropole, wo sie sich weder mit dem Fahrer trifft noch in ihrem Hotel auftaucht. Deshalb die Aufregung!

Maggie prägnant:
Sie ist eine erwachsene Frau, Fleischman.

Sie dreht sich um und will gerade das Sprechzimmer verlassen, als Joel verzweifelnd erwidert:
O Mann!

Maggie bleibt in der Tür stehen:
Was?

Joel nachdrücklich:
Hör'n Sie mal, wir sprechen hier von Marilyn. Sie ist nicht so wie Sie oder ich. Sie ist nicht durch das städtische Leben abgehärtet oder abgestumpft worden.

Maggie starrt Joel an, der jammernd hinzufügt:
Ich hätte sie niemals fliegen lassen dürfen...

Maggie geht energisch auf Joel zu und stützt sich mit dem rechten Arm auf seinem Schreibtisch ab:
Oh, was denn?!
Bloß weil sie nicht im Betondschungel von New York aufgewachsen ist, muß sie noch lange nicht untergehen, wenn sie mal ein Wochenende fort ist...

Joels Stimme schnappt wieder über vor Entrüstung:
Ich möchte Sie nicht dran erinnern, was mit arglosen Menschen in einer Metropole passiert...
Sie... sie werden bewußtlos geschlagen wegen einer Busfahrtkarte. Sie werden gestoßen,... wenn eine U-Bahn einfährt. Sie werden ausgeraubt...

Maggie fällt Joel beschwichtigend in den schwarzseherischen Sermon:
Fleischman! Seattle hat bloß 'ne Straßenbahn...

Joel hält einen kurzen Moment inne. Er schüttelt den Kopf und fährt in verächtlichen Tonfall fort:
Ohh. Das ist wirklich erschreckend.

Maggie genervt:
Was?

Joel bitter:
Sie.

Maggie:
Ich?

Joel ist immer noch fassungslos über Maggies vermeintliche Gleichgültigkeit:
Naja, der Schleier hat sich gehoben, die Maske ist Ihnen vom Gesicht gefallen. Zum ersten Mal sehe ich Ihr wahres Selbst.

Während Maggie ihn sprachlos fixiert, spuckt Joel nun die Wort förmlich vor Verachtung aus:
Es ist... ähh... es ist kalt... Ich... ich... meine... Sie sind so kalt und... so spöttisch.

Maggie lächelt mild. Mit katzenfreundlicher Stimme heuchelt sie:
Das ist richtig lieb, Fleischman. Wirklich... diese unangebrachte, patriarchalische Sorge...

Joel stottert mit gesenkten Kopf:
Ich... ich... habe das Gefühl, ich spreche mit einem Eiswürfel.

Maggie theatralisch:
Ich könnte beinahe glauben, dass Sie ein menschliches Wesen sind...

Sie nickt bestätigend:
Ja, beinahe...

Und im Hinausgehen dreht sie sich noch einmal kurz zu Joel um:
Nicht so ganz!

Joel schaut ihr schweigend nach.






In Ruth-Annes Gemischtwarenladen herrscht geschäftiges Treiben. Aus dem Radio dudelt altmodische Geigenmusik. Ruth-Anne steht hinter ihrer Kasse und blättert in einer Zeitung. Um ihrer rechten Unterarm und Hand trägt sie einen beigefarbenen Verband. Sie verabschiedet beiläufig eine Kundin, die gerade einen Kiste mit Ware hinausträgt:
Danke, Jo-Anne. Bis nachher!

Auch Jane Harris, Cicelys neue Lehrerin ist dabei ihre Einkaufsliste abzuarbeiten. Zwei, drei Schachteln hat sie bereits unterm Arm geklemmt, sucht aber die Regale nach weiteren Sachen ab und fragt schließlich Ruth-Anne:
Haben Sie Wattestäbchen?

Ruth-Anne zeigt in Richtung der Putzmittel:
Äh... da drüben... neben dem Rohrreiniger.

Die Ladenglocke bimmelt und man hört Jo-Annes Stimme, die die hereinkommende Maggie begrüßt:
Hi Maggie!

Maggie erwidert freundlichen den Gruß:
Hi!

Mit gewohnten Elan stellt Maggie fröhlich einen Karton und ein zusammengerolltes Bündel aus Postsendungen und Zeitungen auf Ruth-Annes Tresen ab:
Hallo, Ruth-Anne.

Ruth-Anne legt die Zeitung bei Seite. Auch sie freut sich Maggie zu sehen:
Hallo.

Während Maggie mit einem befreienden Seufzer die Post sortiert, spricht auch Jane Maggie von hinten an:
Hey, Maggie.

Maggie dreht sich überrascht um. Sie hatte die Lehrerin noch nicht bemerkt:
Hallo Jane!

Maggie fragt Ruth-Anne:
Kennst Du Jane schon?

Ruth-Anne:
Nein.

Maggie:
Sie übernimmt die Flüge von... ähh... Ken Bronigham.

Ruth-Anne:
Wirklich?

Jane kommt mit ihren Einkäufen zur Theke. Maggie erzählt derweil Ruth-Anne bewundernd, was sie über Jane herausgefunden hat:
Ja, sie ist auch Pilotin. Sie hat Nachschubeinsätze in "Desert Storm" geflogen und Kampfflugzeuge aufgetankt... In der Luft...! Ja...!

Jane ist die Lobrede unangenehm. Sie versucht nüchtern vom Thema abzulenken:
Das wär's...

Sie zeigt hinter Ruth-Anne auf ein Regal:
Und bitte noch etwas Truthahndürrfleisch!

Ruth-Anne nickt und greift nach hinten, um vom Fleisch was abzupacken.
Maggie hat den Fingerzeig nicht verstanden. Sie wendet sich zu Jane und bohrt verschwörerisch nach:
Wissen Sie, ich habe mir überlegt, dass Sie das gewurmt haben muß: all diese Fliegerasse in ihre F16 klettern zu sehen, wo sie ihren Spaß haben...

Jane würdigt Maggie nicht einen Blick, sie schaut an ihr vorbei und fragt frostig:
Was meinen Sie damit?

Nicht mehr ganz so vertrauensvoll versucht Maggie ihre Sichtweise zu erklären:
Na ja, weil Sie beim Nachschub doch festsaßen, weil Sie... bloß weil Sie 'ne Frau waren, nie einen Kampfeinsatz fliegen würden...

Jane kanzelt Maggies Bemerkung humorlos ab:
Frauen in Kampfeinsätzen ist das letzte, was wir brauchen.

Ruth-Anne verfolgt die Kontroverse ein wenig ratlos. Jane ist die Diskussion ohnehin Leid und ohne Maggie Zeit für eine Erwiderung zu geben, fragt sie:
Haben Sie Eins-Komma-Fünf-Volt-Batterien?

Ruth-Anne überlegt kurz:
Ähmmm... die kommen morgen wieder rein!

Maggie ist wie vor den Kopf gestoßen:
Moment...! Haben Sie gerade gesagt, dass... Kampfeinsätze nur was für Männer sind?

Jane lächelt despektierlich:
Können Sie sich eine Frau am Auslöser einer Tomahawk-Rakete vorstellen?

Ruth-Anne hat inzwischen die Summe ausgerechnet:
Das macht neun Dollar und fünfundachtzig Cent.

Während Jane in ihren Manteltasche nach Kleingeld kramt und die Münzen abzählt, hakt Maggie trotzig nach:
Was stimmt denn nicht an einer Frau am Auslöser einer Tomahawk-Rakete?

Jane abschätzig:
Ach, kommen Sie schon...

Die Kasse rattert. Ruth-Anne:
Danke.

Maggie lacht verlegen auf:
Was ist?!

Jane sachlich:
Wir sind irrational, emotional, unberechenbar und labil...

Zu allem Überfluß schaltet sich nun auch noch Ruth-Anne in die Auseinandersetzung ein und sagt bestätigend:
Das stimmt!

Maggie guckt Ruth-Anne strafend an, derweil begründet Jane ihren Standpunkt:
Das ist größtenteils der hormonelle Einfluß... Äh... wir kriegen entweder unsere Periode oder wir haben unsere Periode oder wir haben unsere Periode gerade überstanden...
Ich meine, eine Frau hat ungefähr zwei Wochen im Monat, wo sie zurechnungsfähig ist und selbst das ist manchmal noch zu hoch gegriffen.

Maggie traut ihren Ohren kaum:
Was?!

Sie kommt sich vor, wie bei "Verstehen Sie Spaß" und kichert verwirrt:
Das ist ein Witz...

Aber Jane meint es ernst:
Aber nein, keineswegs... Ich meine, Frauen haben einfach nicht diesen blutrünstigen Kriegerinstinkt, verstehen Sie?

Sie guckt Maggie freimütig in die Augen und Maggie hört erstarrt zu:
Es liegt nicht in ihrer Natur. Sie sind weich und sentimental. Es ist kein Verlaß in dieser Hinsicht.

Für Jane ist nun alles gesagt. Ruth-Anne bittet sie noch:
Also... heben Sie mir ein paar Batterien auf, ja Ruth-Anne?

Im Hinausgehen legt Jane Maggie wohlmeinend eine Hand auf die Schulter:
Bis dann, Maggie!

Maggie sieht ihr perplex nach. Die Türglocke bimmelt, als Jane sich noch einmal flüchtig verabschiedet:
Wiederseh'n, Ruth-Anne...

Ruth-Anne blieb offensichtlich die Brisanz des Gesprächs verborgen. Bedarft guckt sie Maggie an:
Ich find' sie sehr nett, du nicht auch?

Maggie starrt Ruth-Anne sprachlos an. Sie kann nicht glauben, was Ruth-Anne gerade gesagt hat...


Das
DEUTSCHE SKRIPT dieser Folge "Verschollen im Dschungel der Großstadt" wurde exklusiv für die Internet-Initiative DOKTOR FLEISCHMAN SOLL WIEDER ERYTHROZYTEN ZAeHLEN von Volker Herrmann, D-Meppen verfaßt. Die Dialoge und Handlungsstränge wurden dafür aus einer Videoaufzeichnung protokolliert.
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