Thomas Schweisthal

ist der Tom Waits unter den deutschsprachigen Schriftstellern (Leseprobe) und Chef des PO EM PRESS VERLAGs. Er liebt Rotwein, Katzen, Vögel, Ziegen und Meerschweinchen, besitzt klerikale Ambitionen und ist durchaus in der Lage Prioritäten zu setzen: Karoline oder AUSGERECHNET ALASKA...?

Ausgerechnet Karoline,

meine Ex-Freundin, brachte mich vor - nun ja, schon zig - Jahren mit AUSGERECHNET ALASKA zusammen. Ich sage "Ausgerechnet Karoline", weil sonst nicht viel Positives in den acht Jahren von ihr ausging. Und so zog ich zuerst auch nicht so recht, als Karoline eines Abends meinte:
"Wir müssen uns heute abend unbedingt die neue Serie AUSGERECHNET ALASKA anschauen, die ist absoluter Kult."
"Serie"..., dachte ich nur und dann: "auweia...."
Aber da an Karoline, die eigentlich recht knusprig gebaut war, nur über einen gemeinsamen Fernsehabend heranzukommen schien, willigte ich (beinahe) notgedrungen ein.
Und dann war ausgerechnet ich von der Serie so fasziniert, daß ich Karoline eins ums andere Mal für eine AUSGERECHNET-ALASKA-Folge versetzte. Ich wollte eben alleine in und um Alaska herum sein.
Karoline vermisse ich nicht - AUSGERECHNET ALASKA umso mehr.
Hiermit starte ich also einen dringenden Appell an die öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten - ich verfüge weder über eine Schüssel, noch über einen dieser unnützen Kabelanschlüsse - dieses wertvolle Kulturgut: AUSGERECHNET ALASKA zur Prime Time auszustrahlen. Sollte aber einer der vielen privaten Privatsender sich dazu entschließen, AUSGERECHNET ALASKA, ungekürzt und unzensiert (gibt es so etwas überhaupt noch in Televisionien?) zu menschenfreundlicher Zeit - z.B. um 20 Uhr 15 - zu senden, dann werde ich - mit neuer Schüssel und neuem Glauben an die Medienkultur ausgestattet - mich anbiedern, die Kultsendung "Ja-Wort zum Montag" auf RTL II zu moderieren.
Gehet hin in Frieden. Aber erst, wenn Ihr mit Eurem Alaska-Stoff versorgt seid.
Amen. Ausgerechnet.

Thomas Schweisthal

Publikationen: 

WENN DU NIMMST, WAS DU KRIEGST
Poems & Stories im G. Meyer's Taschenbuch Verlag
ZUNGENKÜSSE & ZERSCHOSSENE STÖRCHE
Poems in der EDITION DEAD MONKEY
SOCIAL BEAT SLAM! poetry
Anthologie KILLROY media Verlag

ABGEzOCKT & ZUGENÄHT
PO EM PRESS VERLAG
Anthologie mit Storys
von Thomas Schweisthal (Hrsg.), Frank Bröker, Alexander Scholz, Thomas Stemmer u.v.a.
WANHU
Lyrikdialoge mit Urs Böke
in Ratriot Medien
ZUCKEN IM ABENDLAND
SUBH-Taschenpoetryreihe

Homepage:
www.poempress.de.vu

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You're Innocent When You Dream...

Ein Vorwort zu Thomas Schweisthals Buch
"Wenn du nimmst, was du kriegst" (Poems & Stories, 1999)


Wer kennst das nicht?! Man hat es sich vor dem Fernseher gemütlich gemacht, die Fernbedienung in der Hand und zappt sich durch die Kanäle. Das Erste präsentiert stolz die 1332. Folge von "Verbotene Liebe". Auf VIVA hopsen vier übergeschnappte Racker auf einem Sofa und fuchteln affig mit ausgestreckten Armen vor der Kamera herum. Eine Sprecherin auf arte rutscht unsicher auf einer Art Barhocker hin und her und sagt: "Hitler war vermutlich impotent." VIVA2 hat wieder diesen geistesgestörten Witzbold auf die "Kamikaze"-Bühne geschickt, ProSieben amüsiert sein Publikum mit Al Bundy. Eine Off-Stimme auf VOX kommentiert Urlaubsbilder: "Die Strände sind sauber und umfriedet." RTL verweist mit einem unerträglichen Trailer auf die neue "Karl-Dall-Show", Sat.1 bringt "Kinderschokolade"-Werbung, ein tm3-Talkgast sagt: "Der einzige Unterschied zwischen Hemingway und mir ist: Ich habe nur zwei Frauen!?" VH-1 bringt ein Video von Rod Stuart, das ZDF eine Wiederholung von "Unser Lehrer Doktor Specht". Eine Doris-Day-Imitation auf Kabel1 sagt: "Aber ich liebe dich doch!?"

Es gibt Alternativen zu diesem Alptraum!
In dem Band "Zungenküsse und zerschossene Störche" veröffentlichte Thomas Schweisthal dreißig Gedichte. Gedichte, die einen anrühren. Gedichte, die einem behutsam in den Mund fassen und die Mundwinkel vorsichtig nach oben ziehen.
Mit diesem Buch hingegen präsentiert der Autor neben bislang unveröffentlichten Gedichten erstmals auch längere Geschichten, Geschichten, die mit dem bekannten Esprit nicht geizen, - aber auch Geschichten, die elegisch stimmen.
In den Texten begegnen wir hartgesottenen Typen, die uns nicht vollends fremd sind. Es sind die gleichen seltsamen Vögel, die in den benachbarten Vorgärten herumwüten, die gleichen käuflichen Gesellen, die uns am Arbeitsplatz gegenübersitzen, die gleichen Heuchler, die mit uns Bett und Wohnung teilen.
Es sind so einfache, schnörkellose Sätze, die das Genie eines Autors offenbaren, und es trifft sicher auch auf Thomas Schweisthal zu, was man Erlend Loe nachsagt, nämlich, daß man denkt, so lustig, elegant und absurd - und zugleich tiefgründig und bewegend hätten wir alle die Wirklichkeit beschreiben können. Aber das ist Unfug, nur ein wirklich guter Schriftsteller kann das! Es ist eine Kunst, überflüssige Adjektive im richtigen Moment auszusparen und so das Tempo einer Story anzuziehen.
Und Thomas Schweisthal ist ein Künstler. Hätte er eine ähnliche Begabung fürs Lottospiel, würde der "MoneyMan" der Lottozentrale jeden Samstag Station in Regensburg machen müssen. Schweisthal wäre sicher lieber Lottokönig, - für uns ist es allerdings ein Glücksfall, daß sein Talent nicht in der Lotteriebude ausgetobt wird, sondern an der Schreibmaschine. In seinen Geschichten kreuzt er intuitiv die richtigen Wörter an. Sie sind Volltreffer; Sechser plus Superzahl. Serienweise Kniffel im ersten Wurf. Unter jedem jugoslawischen Hütchen, das er hebt, der Hauptgewinn.

Ursprünglich sollte die Überschrift für dieses Vorwort ja "Der Mann mit der Prokuratorentasche" heißen. Aber irgendwie empfinde ich ein Synonym für "Buchhalter" in der Titelzeile nicht besonders gewinnend. Buchhalter hört sich nach Matthias Wissmann, Günter Beckstein, Aktenordnern und Briefmarkenanfeuchteschwämmchen an. Und das wird Thomas Schweisthal nun wirklich nicht gerecht. Andererseits gefällt mir der Querverweis zum "Dirty Old Man" aus L.A. natürlich, zumal mir der Autor dieses Buches kürzlich schrieb, daß er seine Rückkehr auf die Trabrennbahn vorbereite. Hier weht ein Hauch von Santa Monica, und die Außenseiter heißen "Dieter Mein" und "My Boy Bobby" im siebten und achten Rennen. Zweifellos spukt auch etwas von Bukowskis Geist um Schweisthals Schreibtisch, was beispielsweise Aufrichtigkeit und Martyrium angeht, aber das beschauliche Regensburg ist nicht die vermeintliche Stadt der Engel, denn während Bukowski frustriert austeilt ("Schätze, ich werde demnächst einen Banküberfall machen oder einem Blinden in die Fresse schlagen und keiner wird verstehen warum.") verliert sich Schweisthal lieber in einer Art gutmütige Autoaggression: "Ich gehe raus, und suche nach einem, der mir sein Bajonett reinrammt. Ich suche nach einer Bombe, die mir mindestens ein Bein abreißt. Ich will, daß mich jemand beim Einkaufen bescheißt, ..." Und jetzt seien Sie mal ehrlich, wem würden Sie lieber begegnen, wenn Sie Bankdirektor, Kaufmann oder blind wären?
Am ehesten könnte man vielleicht Parallelen zu Sky Nonhoff ziehen, einem weiterem Autor, der zu Unrecht von der breiten Öffentlichkeit ignoriert wird. Schon allein deshalb. Es sind nicht die spektakulären Ideen, die einen anrühren, sondern die simplen; zum Beispiel flüchtig gezeichnete Vögel in das Innere einer Streichholzschachtel, die als "Taschenkäfige" der Angebeteten Glück bringen sollen (Nonhoff) oder fünfzig weiße Nelken, die alleine ausreichen, um (s)eine Gemütslage zu schildern (Schweisthal). Aber auch dieser Vergleich hinkt.
Ach, - Shit! Thomas Schweisthal paßt einfach in keine Schublade. Warum heben Sie eigentlich nicht selbst den Deckel an und schnuppern mal, was im Topf schmurgelt? Löffeln Sie Seite für Seite ein herzhaftes Süppchen aus Melancholie, Verschrobenheit, Metaphern, Ehrlichkeit und Ironie, abgeschmeckt mit einer ausgeklügelten Dosis Existentialismus und einer Prise Wut. Schweisthals Gedichte und Storys sind außergewöhnlich. Oder wurde Ihnen schon mal "ein Gerät zum Sammeln von Erkenntnissen" angeboten? Was wissen Sie über "Hopfenhackeln"? Sind Sie schon mal mit dem Wochenendticket und einer Horde Primaten nach Landshut gereist? Jeder Text besticht mit diesem unverwechselbaren Schweisthal'schen Augenzwinkern, ohne den inzwischen kein SocialBeat-Magazin, das was auf sich hält, auskommt. Er tritt den Spießern auf die Füße. Und manchmal zieht man unwillkürlich seinen eigenen Fuß unter Thomas' literarischem Absatz zurück. Der Autor ist der Libero des SocialBeats und im Gegensatz zum gleichaltrigen Lothar Matthäus läuft ihm keiner so schnell davon.

Wer das RTL-Programmkonzept nicht ertragen kann und Tamagotchi für eine Krankheit hält und wem die populären Radiosender zum Hals heraushängen, wer sich vor der Musik von Simply Red und der Lyrik von Marius Müller-Westernhagen ekelt und wem ganz allgemein der Mainstream zu abgeschmackt ist, der wird seinen Spaß an diesem Buch haben.
Es erwartet Sie ein amüsanter Bummel durch das Industriegebiet, eine verwegene Spritztour in einem alten 77er Ford Taunus. Also, ziehen Sie sich die Windjacke über und auf geht's. Der letzte tritt den Fernseher ein!


Meppen, Juli/August 1999
Volker Herrmann